Dienstag, 6. Juli 2021

Um 4:45 Uhr ist heute wieder einmal die Nacht zu Ende. Es ist wolkenlos bei 12 °C.

Unsere Morgenroutinen haben wir letzte Woche schon einmal kurz angedeutet, wobei besonders die Ruhe herauszuheben ist, die sich draußen im Spielparadies morgens um 5 Uhr ausbreitet. Kaum, dass wir etwas von unseren Kindern hören. Wenn wir sie rauslassen, kieksen sie mal kurz freudig auf, wenn wir statt Gras einen Holzboden im Garten hätten, würde die ganze Nachbarschaft vermutlich von dem stürmischen Darrumdarrumdarrum geweckt werden, wenn die Zwerge voller Kraft und Morgenfreude auf 32 Beinen JuleJuleherumstürmen und sich zu Paaren jagen. Aber sie schweigen fast vollständig. Kurz mal ein Kräher, wenn einer den anderen unter einem Versteck hervorlocken will und der zur Abwehr herausschnappt, ein kurzes Aufquietschen, wenn mal ein Ohr zwischen hungrige Kiefer gerät, sonst nichts, nur stilles Toben. Wir hatten Würfe, da musste die Chefin die Kinder bei -10 °C bespielen, solange der Assi den Putzfeudel schwang, sonst hätte uns die Nachbarschaft gekündigt, der im übrigen nichts nachzusagen ist außer einer unheimlichen Langmut.

Heute fällt jedoch Janitschek ein wenig aus der Rolle und macht an der Terrassentür Rabatz; einen Kaspar und Fanfarenbläser hat man eben immer. In dem Maße, wie Joschi vom Lautsprecher und Krawallmoderator Abstand nimmt und vorwiegend durch sein Lachen die Aufmerksamkeit auf sich zieht, gibt eben Janitschek den Klassenclown, bei weitem nicht so hochkarätig wie es Joschi vorgelebt hat, aber doch so, dass man ihn morgens um 5 Uhr schon mal gerne an den Fleischerhaken hängen würde, damit er Gelegenheit hat, wieder runterzukommen. Heute will Janitschek nicht in den Garten, blankblauer Morgen ist wurscht, er möchte vielleicht noch ein Auge Schlaf nachholen, wer weiß das schon. Jedenfalls gibt er das pain in the ass und spielt diese Rolle routiniert und abgefeimt wie Mario Adorf den Heinrich Haffenloher in Kir Royal. Nein, auf den Schoß darf er nicht, eine freundliche Aufforderung, doch bitteschön lieb zu sein, hört er auch nicht, obwohl es uns ja eigentlich egal sein könnte, mit welchen Folgelasten sich die späteren Besitzer herumschlagen müssten, nein, wir denken auch in diesem Fall nur zukunftsorientiert, prozedieren ihn ins Bällebad, wo es viel mehr Balla-Balla gibt, als er an diesem Morgen sein kann, und so kriegt er es mit seinen Geschwistern zu tun, die ihm die Flausen austreiben. Geht doch. Aber nur so lange die anderen sich nicht von ihm anstecken lassen, sonst geht der Schuss ins Knie.

Unverzichtbarer Teil der Morgenroutinen ist, wie wir alle wissen, die Waage, neben den Futterschüsseln geradezu deren dramaturgischer Höhepunkt.

Joschi 5380 (+220), Jazz 5190 (+130, wetten: sie schafft es nicht mehr nach vorne zu kommen, der Kas is‘ g’spitzt), Jackl 5150 (+230), Janitschek 4840 (+210), Jasna 4450 (+210), Judica 4400 (+220), Jeannie 4390 (+160) und Jule 3680 (+160).

Darüber hinaus bleibt dieser Dienstag recht blass, wenn es nicht interessiert, dass heute vor 75 Jahren George W. Bush und Sylvester Stallone geboren wurden und vor 100 Jahren Nancy Reagan, die Urmutter aller Vogelscheuchen. Schlimmer ist, dass vor 50 Jahren Louis Armstrong die Augen schloss, aber, was willst du machen? Hätte er sie noch offen, wäre er heute 120 geworden, das ist sogar für einen solchen Pustefix nur Pusteblume. Die heutige Inhaltsleere ist dem Wetter zuzuschreiben: 32 °C am frühen Nachmittag, da lassen alle die Flügel hängen, und wenn Nancy noch leben würde, hingen ihr vermutlich sogar die hochgetackerten Augenlider bis zum Bauchnabel (wo immer der sich befände…). In der Tat ist es so unangenehm heute, dass sich sogar das Terrassenpflaster, trotz Sonnenschirm, so aufheizt, dass die kleinen Samtpfötchen auf der Hitze schmelzen; ein paar haben richtiggehend aufgejammert, als sie ihr kühles Lager an der Hauswand verlassen haben. Das ist kein Wetter für Heldentaten.      

Wie zu erwarten, drohen aufziehende Gewitter am Spätnachmittag und frühen Abend mit einer Vergeltung für die vielen Sonnenstunden, überlegen es sich jedoch anders und ziehen unverrichteter Dinge weiter. Der Herr möge seine Hand über euch halten, denen sie ihre Aufwartung machen.

Während die Gewitter aufziehen, inszenieren wir das 1. Pansen-Festival der Jays, in der Befürchtung, es könnte das letzte sein, wenn diese Wolken sich bei uns entleeren. Jede(r) bekommt einen Fetzen grünen Pansen, für Hunde vielleicht die leckerste Henkersmahlzeit, die sie sich vorstellen können. Wir haben das bei allen Würfen praktiziert und machen jedes Mal die gleiche Erfahrung: Die haben keine Ahnung, was das ist, reißen sich aber darum, als ob es um ihr Leben ginge. Sich darum reißen beschreibt auch die tatsächlichen Umgangsformen während dieser ursprünglichsten aller Rohfütterungen. Alle verschwinden sofort aus dem Wirkungskreis der anderen, um sich ungestört gütlich zu tun. Nur kann Jackl klaut Jasna ihren PansenJackl klaut Jasna den Pansenhalt der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem hungrigen Nachbarn nicht gefällt. Niemand begnügt sich mit dem, was man hat, alle gehen auf Raubzug. Und so findet im Garten Eden des Bairischen Blues eine sehr unparadiesische Hetz- und Treibjagd statt. Jackl ist dabei der Effizienteste; mit kühler Chuzpe entwendet er seinen Geschwistern deren Anteil und ist umgehend hinter irgendeiner Deckung verschwunden. Fast ebenso zielsicher und zugriffsfest ist Jazz. Das beliebteste Opfer ist die kleine Jule, die sich erst mal nur schwer gegen die Übergriffe wehren kann, aber sich dafür als Meisterin in der Retourkutsche erweist. Nur sehr kurz ist sie ohne Pansen, dann schlägt sie wie Fra Diavolo aus dem Hinterhalt zu und holt sich was die anderen auf ihren Diebestouren liegenlassen. Judica ist die Cleverste, weil sie immer ein ruhiges Plätzchen findet, in dem sie speisen und aus dem JoschiJoschi hat gut lachenheraus sie, wie eine Heimsuchung einen Überfall nach dem anderen starten kann. Oberentspannt ist Joschi, der still genießt, so lange er etwas zu genießen hat, der abgreift, wenn er bestohlen wurde und wieder still und in sich ruhend genießt. Der kann sogar über die Übergriffe seiner Geschwister noch lachen. Cooler Typ.

Wer nicht mit Klauen oder Zurückholen beschäftigt ist, kommt mit dem Kautschukfetzen erstaunlich gut zurecht; sie nehmen ihn zwischen die Kiefer und knatschen und scheren ihn mit den Backenzähnen, zerren ihn hoch, um ihn abzureißen und schütteln ihn – alles wie es sein soll. Bei uns weicht die Entspannung einer Alarmspannung, wenn die Pansenfetzen eine Größe erreicht haben, die die Zwerge schon als Ganzes schlucken können. Da haben wir schon 20 Zentimeter Pansen wieder aus einem Welpen gezogen. Deswegen lassen wir die Janitschek und Jackl genießen das PansenwasserJanitschek und Jackl stehen auf PansenwasserKannibalen ab sofort nicht mehr aus den Augen. Und dennoch: Jeannie schafft es tatsächlich, ein Mordstrumm komplett wegzuschlucken – würg und weg ist es. Jeannie bleibt dabei völlig unbeeindruckt, würgt nicht und krampft nicht, sondern verdaut. Der Brocken ist zur Gänze in dem Mädchen verschwunden, quasi vom Erdboden verschluckt. Mal sehen, wie und ob sie das wirklich wegschafft oder ob uns noch ein Nachspiel erwartet. Jedenfalls lassen wir sie jetzt noch weniger aus den Augen. Jackl dagegen trägt schwer an seinem Bauch, obwohl er nichts komplett verschluckt hat, dafür auf seinen Raubzügen offenbar fette Beute machen konnte. Da der zuvor gefrorene Pansen bei der Ausgabe noch sehr kalt war, haben wir ihn kurz vor der Auslieferung mit heißem Wasser auf Verzehrtemperatur gebracht. Dieses Einweichwasser stellen wir den Knirpsen nun zur Verfügung und können nicht glauben, mit welcher Gier sie die Stinkbrühe ausrüsseln; mit Heddas Hilfe schaffen sie die ganze Schüssel binnen weniger Minuten, so dass wir meinen, es müsste ihnen schon beim Trinken wieder unten rauslaufen. Also, Tipp an alle Besitzer trinkheikler Hunde: Pansenwasser! Alle übrigen Pansenfetzen – und alle bis auf Jeannie haben noch einiges übergelassen – holen sich Hedda und Fianna.

Und dann ist Hexensabbat. Als ob ein AufputschmittelJeannieJeannie im Pansen gewesen wäre, toben sie durch ihr Paradies, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Sogar die etwas distinguierteren Mädels blödeln und raufen miteinander, dass das Equipment in Gefahr gerät. Und mitten in dieses Spiel hinein würgt Hedda ihren Pansen den Welpen vor, die, obwohl pappsatt, sich diesen Leckerbissen nicht entgehen lassen. Als nach diesem Round-up die Chefin mit Mama und Oma auf die Abendrunde geht, fallen die Fresszwerge wie tot um – bis auf drei: Jule, Janitschek und Jackl, toben noch fast eine halbe Stunde ungebremst herum. Entweder die haben den Löwenanteil des Aufputschmittels bekommen oder die anderen haben so viel gefressen, dass sie nicht mehr stehen können.

Nach dieser Fressorgie bleibt heute die Küche kalt: Es gibt nichts mehr; der Pansen muss für heute reichen. Man kann einem Sternemenü doch kein Tellergulasch folgen lassen…

 

Mittwoch, 7. Juli 2021

Monsun im Mangfalltal. Regen, heftiger Regen begleitet uns die ganze Nacht.

Das eintönige Prasseln lässt uns bis 6 Uhr ausschlafen. Mit gemischten Gefühlen steigen wir hinab in unseren Augiasstall und finden – drei spärliche Häuflein vor. Der Assi denk darüber nach, noch für ein Stündchen im Bett zu verschwinden, denn das da ist kaum die Befüllung des Putzeimers wert. Nein: Dienst ist Dienst und Morgenroutine ist Morgenroutine. Pflichtvergessenheit soll man ihm zusätzlich zum Reisdesaster nicht auch noch vorwerfen können.

Die folgende Überprüfung der Gewichte gibt einerseits Aufschluss über den Nährwert von Pansen und andererseits über die Effizienz der Raubzüge.

Nach den 1540 g von gestern, nehmen sich die 660 g aus wie das Ergebnis einer Armenspeisung. Kein Wunder, dass die Küche gestern nicht nur kalt, sondern anschließend fast rein blieb. Dieses Ergebnis wundert uns allerdings nicht, denn Pansen ist zwar sehr gesund, gibt aber nicht viel her. Das ist der Grund, warum wir Hedda in der Tragzeit nicht mehr mit Fleisch-Pansen-Mix gefüttert haben; die brauchte jede Menge Energie, nicht aber eine Optimierung ihrer Darmflora.

Und die Einzelergebnisse lassen tatsächlich tief blicken.

Joschi, der stillvergnügte Gourmet, der den meisten Rangeleien eine Absage erteilte, nimmt 140 g zu (5520), was, wie wir sehen werden, ein starkes Argument für Genießer ist. Der Chef-Raubritter Jackl kann sogar noch bessere Argumente ins Feld führen: 5310 (+160). Jazz, auch versiert in Beutegreifereien, kann mit immerhin noch 90 g reüssieren. Die drei verbuchen demnach mit 390 g schon den Löwenanteil der heutigen Ausbeute für sich. Janitschek, der sonst so auffällige Um- und Herumtreiber, verhielt sich gestern eher unscheinbar, was ihm offenbar nicht schadete: 4930 g und ebenfalls 90 g eingesackt. Jeannie hat ihren Riesenfetzen behalten, und offenbar ist er ihr wohl bekommen, denn mit 90 g plus und 4480 g lässt sie Jasna und Judica hinter sich. Es gibt eben viele Wege zum Erfolg. Die drei Verbleibenden haben wohl eher mit den Umständen gekämpft als mit dem grünen Pansen: Jasna 4470 (+20), Judica 4440 (+40), und Jule hat sich wacker geschlagen, aber wahrscheinlich mehr Energie mit den Rückforderungen und Laufereien verbraucht als ihr die Jeannie wettert abJeannie wettert abBeute liefern konnte: 3710 (+30). So ein Reduktionstag schadet absolut nicht. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass der heranwachsende Organismus versucht, eine solche Mangelversorgung durch Überversorgung schnell wieder wettzumachen. Das werden wir morgen oder übermorgen überprüfen können.

Heute ist es meist bedeckt und trüb und oft regnet es, was den Aktionsgrad der Jays auf ein Minimum reduziert. Sie hängen auf der Terrasse unter dem Balkon herum und rangeln oder schlafen, manchmal toben sie sich im nassen Gras aus, aber dann müssen sie wieder zur Trocknung ins Haus. Ein ereignisreicher Welpentag sieht anders aus. Damit wenigsten ein bisschen Abwechslung in die Bude kommt, stellen wir ihnen eine Gitterbox in die Küche, die sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Geht doch, ein bisschen Adrenalin geht immer.

Aber sonst geht wirklich nichts mehr heute, höchstens das Licht aus.

 

Donnerstag, 8. Juli 2021

Diesem Himmel, ob grau oder blau, werden wir von heute an bis zum Tag des Scheidens einige Hallelujas und etwa 40 (!) Rosenkränze spendieren, für alle Fälle noch das ein oder andere Allahu Akbar dazwischenschieben, sofern sich die Darmendprodukte weiterhin so stabil und formschön zeigen sollten wie heute Morgen. Man glaubt ja nicht, worüber man sich morgens um 5 Uhr freuen kann.

Sehr freuen können wir uns auch über die Ruhe, die die Jays noch immer im Garten bewahren; sie bleiben dabei: Morgens darf die Nachbarschaft weiterträumen. Bei Welpen diesen Alters kann sich täglich die Welt einmal ins Gegenteil verkehren, alles ist denkbar und vieles ist möglich, also kann ihnen auch von heute auf morgen einfallen, ein bisschen Remmidemmi zu machen. Bisher fällt ihnen das aber nicht ein.  

JanitschekJanitschekDanach rangeln sie selbstvergessen auf der Terrasse, schlafen, spielen und schlafen wieder. Nur die Dauer der verschiedenen Phasen verändert sich nun spürbar: Die Ruhephasen treten hinter die Unruhephasen zurück, die kleinen Aktivisten sind immer fitter und ausgeschlafener. Dies gilt selbstverständlich vor allem, wenn Besuch da und Action ist. Dann sind sie fast schon unermüdlich. Doch wenn sie auf sich allein gestellt sind und nicht bespielt werden, beschäftigen sie sich sehr eingehend mit sich selbst, rankeln und gankeln, meist stumm, und vergessen die Zeit.

Und dann entschwindet die Chefin wieder in die große Stadt und vertraut dem Assi ihre Herzgewächse an, der sich vornimmt, keine(n) über die Kellertreppe purzeln zu lassen oder harten Naturreis zu verfüttern, schließlich möchte auch er sich nach acht Wochen ein kleines Lob verdient haben.  

Bevor wir vor lauter Träumereien auch die Zeit und unseren Auftrag vergessen, werfen wir einen Blick auf die heutigen Gewichte und stellen fest: Recht gehabt! Diesen Einbruch gestern verzeiht der feiste Gott des immerwährenden Wachstums nicht (Wachstum, Wachstum über alles…) und sorgt für reichhaltige Reserven. Zur Erinnerung, damit niemand zurückblättern muss: gestern 660 g. Heute ächzt die Waage unter 2320 g Auflastung. Zur Abwechslung und zum Spannungsaufbau listen wir die Kandidaten heute mal von hinten, und zwar in der Reihenfolge der Gewichtszuwächse von unten nach oben.

Das beginnt mit Jeannie und bescheidenen 100 g (4580). Mit immerhin 200 g macht Jule auf sich aufmerksam, was sie aber bei der aktuellen Gefechtslage auch nicht voranbringt (3910). Erstaunlich bescheidene 250 g verbucht Joschi, aber seinen Premium Platz an der Sonne verliert er dadurch noch längst nicht (5770). Judica wird sich gewundert haben, was man neben der Anhimmelung von Menschen noch alles erfolgreich erledigen kann, nämlich 310 g zunehmen (4750); das bringt sie um einen Platz nach vorn. Dass Jazz nicht aufgeben wird, sich an die Spitze zu rempeln, war klar, und mit 320 g dokumentiert sie ihr eifriges Bemühen, aber die Konkurrenz schläft nicht: Es bleibt bei Platz 3 mit 5600 g. Wie soll das auch gehen, wenn der propere Jackl mit 340 g kontert und bei 5650 g landet? Auch für Janitschek gilt: Getan, was getan werden konnte und dabei so viel geleistet wie noch nie, aber es bleibt beim 4. Platz: 370 g plus (5300). And the winner is: Jasna! Mit 430 g an einem Tag hat man es verdient, an der Spitzengruppe zu schnuppern: 4900 g und 5. Platz hinter den Buben und Jazz; darauf darf sie stolz sein. Mit diesem Boost liegt das Durchschnittsgewicht der Jays nun knapp über 5 Kilo.

Mittags setzt wieder Regen ein und die Bande muss ins Haus. Um 13:30 Uhr zeigt sich die Sonne wieder – alle wieder raus. Nachdem sie sich den Schlaf aus den Gliedern getobt haben, kehrt etwas Ruhe ein, das bedeutet: fünf schlummern im Haus und Jasna, Jule und Janitschek rumoren noch im Garten herum. Bis dann um 14:30 Uhr der Regen zurückkommt und alle wieder unter Dach und Fach müssen, obwohl das Treibhaus draußen bei 20 °C den Wachstumsbemühungen unserer Sumpfblüten bestimmt guttun würde.

Der Kampf um die SeelachsresteDer Kampf um die SeelachsresteUm 15 Uhr wartet schließlich eine weitere Premiere auf die Jays: Es gibt gekochten Fisch (Seelachs), gereicht an Kartoffelbrei und Morosuppe, und zwar im Paradiesgarten, weil es der Regen zulässt. Dieser Fisch ist ein kulinarisches Hochfest, so unwiderstehlich, dass sie sich fast gegenseitig die Haare vom Leib fressen vor lauter Gier. Soll bloß später niemand behaupten, sein Hund würde keinen Fisch mögen, nur weil Herrchen oder Frauchen keinen Fisch mag. Es ist nicht überliefert, ob im Originalparadies der Himmel auch zürnte, als Eva ihren Adam mit dem Apfel verwöhnt hatte, bei uns jedenfalls findet der Himmel, dass zu viel Glück den Charakter verderben könnte und haut uns wieder seinen Zorn um die Ohren, drohend, dröhnend und pitschnass. Und so müssen die Paradiesvögelchen eben wieder in die Gute Stube, auf dass sie sich ihrer feinen Fischmahlzeit dort entledigen können. Da kann man, um Himmels Willen, nichts machen. Der Assi nimmt es hin und ist ganz weg.

Judica mit PansenJudica weiß schon, wie man Pansen klein kriegtDer Tag bleibt sich auch weiterhin treu: Regen, mal eine kurze Unterbrechung und wieder Regen. Das Abendmahl gegen 19:30 Uhr (Trofu) kann wieder auf der Terrasse eingenommen werden. Und anschließend wartet eine weitere Pansen-Party auf die Zwerge. Jetzt, beim zweiten Mal, sind sie noch geschickter, nehmen den zähen Fetzen schon richtig gut zwischen die Zähne und versuchen, das Gummiteil abzuscheren. So soll es sein. Die eindeutig komplexere Übung ist die, sich gegen die Geschwister durchzusetzen, sich zu wehren, sie abzuweisen oder ein kleines Hide-away zu finden, wo man nicht gleich entdeckt wird. Das ist die schwierigste Übung, weil alle jeden Winkel ihres kleinen Paradieses und die Vorlieben ihrer Geschwister kennen. Jule macht es diesmal ziemlich geschickt und duckt sich unter die Hecke, die sie zwar alle kennen, aber als Futterplatz bisher nicht genutzt wurde. Aber lange geht auch das nicht gut. Die Party zieht sich über eine halbe Stunde, dann schüttet es wieder und es wird Zeit, den Spaßverderber zu spielen. Die Großen bekommen die noch immer üppigen Reste und dann geht es ab in die Heia. Jetzt streut das Sandmännchen aber richtig heftig herum und die Herzgewächse liegen lieblich und friedlich kreuz und quer in Küche und Transit, so lieblich und friedlich, wie sie eigentlich den ganzen Tag sein könnten.

Nachts fällt aus einigen Gewittern wieder reichlich Regen, aber nichts, was uns Sorgen bereiten müsste. Das, was bei uns runterkommt, gehört immer noch in die Kategorie Mistsommer und ist somit der Karteikarte Wetter zuzuordnen. Dem Klima kann man das noch nicht unterschieben; solche und ähnliche Wetterlagen hat es schon immer gegeben. Mist sind sie trotzdem.

Der Jahrhundertbauer hatte sich mit solchen Gedanken sowieso nicht herumzuschlagen – Klima, Wetter. Für ihn ist die Welt so schlicht wie schön: Ist es zu St. Kilian schön, werden viele gute Tage vergeh‘n. Und ist es zu St. Kilian Mist, ändert sich’s Wetter oder es bleibt wie’s ist. Aber habt ihr es bemerkt? Kein Wort von 40 Tagen Sonne! Nur: viele gute Tage. Hat offenbar doch was gebracht, dass wir dem 40-Tage-Teiresias mal ein bisschen auf die Sprünge geholfen haben. Mal sehen, ob er sich das nochmal traut mit dem Quatsch.

 

Freitag, 9. Juli 2021

Freitagmorgen ist es, 5:30 Uhr, dazu sehr bedeckt und stürmisch, zusammenfassend: garstig (schriftdeutsch) oder schiach (süddeutsch) bei 13 °C. Ab Mittag bessert sich die Wetterlage, weil der Wind nachlässt und sich der Augenschein in Richtung weiß-blau verschiebt, was um 15 Uhr immerhin für 20 °C sorgt. Es ist also ein durchwachsener Tag, dem nichts Dokumentierbares anzuhaften scheint, außer, dass der Assi sich heute seinen zweiten Covid-Cocktail in den linken Schrubberschwingarm applizieren lassen darf, was im Grunde nur insofern erwähnenswert ist, weil an diesem wertfreien Freitag ein solcher Verkehr herrscht, dass er für die 20 Kilometer über eine Stunde braucht, obwohl er es sogar mit dem Umweg, den er kurven muss, auf nur auf 25 Kilometer bringt. Was ist da los? Kein Schulferienbeginn an diesem Wochenende, also vermutlich wieder Unfall und/oder Stau auf der A 8. Man kann froh sein, dass das Serum, das auf ihn wartet, keine Milch enthält, sonst wäre sie wahrscheinlich bis zu seiner Ankunft im Impfzentrum sauer geworden.    

Sauer geworden ist dagegen Hedda, und zwar auf ihren Jackl. Doch wie sieht das aus, wenn Hedda mal sauer wird? Ungefähr so, wie wenn jemand die Nase rümpft, weil er feststellt, dass die Milch im Morgenkaffee flockt. Also eher kein echter Gefühlsausbruch, vielmehr die Begleitmimik zur unerwarteten Störung der Morgenidylle (Der Kaffee ist fertig, klingt das nicht unheimlich zärtlich?) – und dann schwimmt im Kaffee Grieselmilch. Wie läuft das unter gesitteten Paarschaften dann ab? „Schatz, schüttest du bitte den Kaffee weg und bringst mir einen neuen, Milch ist sauer.“
„Oh, das tut mir leid, Schatz, Entschuldigung, das hab ich nicht gewollt.“
„Macht ja nix, aber mach ein bisschen, ich muss weg.“ …

JacklJacklSo etwa muss man es sich vorstellen, wenn Hedda ihren Jackl zur Ordnung ruft, weil er heute Grieselmilch unter der Sturmfrisur hat und meint, seine Schwester Jeannie mobben zu müssen. Immer wieder macht er sie an, sie hält dagegen, aber nicht lange aus, dann setzt er zu einer neuen Attacke an. Bis Hedda genug gesehen hat, sich zwischen die beiden drückt, Jackl wegschiebt, ihm vielleicht noch einen Augenblick mitgibt, den nur er versteht und wir nicht. Und dann ist Ruhe. Jackl verzupft sich, Jeannie sucht sich ein neues Spielzeug und der Alltag ist zurück. Es ist das erste Mal, dass wir beobachten, wie Hedda ins Verhältnis ihrer Kinder untereinander eingreift und für klare Verhältnisse sorgt. Wir sind sehr berührt. Hedda lieferte uns nie einen Grund, an ihrer engagierten Mutterschaft zu zweifeln, aber so unmissverständlich und mit einer so widerspruchslosen Autorität hatten wir sie noch nicht erlebt: So etwas hätten wir unserer Spielratz gar nicht zugetraut. Das sind die großen Glücksmomente eines Züchters. Dieser Freitag kann nur noch mit einer Katastrophe aufwarten, um ihn als misslungen zu bewerten; Heddas Ordnungsruf verleiht ihm hundert Vorzugspunkte. Daneben muss sich der Assi über sein Lamento wegen der Staufahrt nach Rosenheim direkt schämen.

JazzJazzDoch für heute ist Hedda noch nicht fertig, heute ist ihr Tag! Wir müssen an dieser Stelle wirklich nochmal klarstellen: Hedda ist eine fürsorgliche Mutter, die nicht gluckt, wenig aktiv eingreift, aber immer zugegen ist und nach dem Rechten sieht. Hedda kümmert sich liebevoll um ihre Kinder. Exklusiver Nähe darf sich Joschi erfreuen, den sie offenbar besonders ins Herz geschlossen hat und der viel mehr darf als die anderen. Doch heute legt sie noch ein Zeugnis von Fürsorge ab, das uns tief berührt. Wir ertasten an Jazz‘ Bauch einen Knubbel, eine Ausstülpung wie ein Abszess, deutlich über Erbsengröße, ein bisschen transparent und vermutlich mit Flüssigkeit gefüllt. Um diesen Knubbel herum kleine Verletzungen, ob von Zähnen oder Ästen oder sonst irgendetwas ist nicht auszumachen. Sie hat sich also vermutlich verletzt und trägt nun diesen Knubbel herum, sonst ist sie völlig normal, scheint also nicht zu leiden. In solchen Fällen geben wir gerne als Ersthilfe Hepar sulfuris und warten ab, ob sich etwas tut. Und tatsächlich tut sich was: Nach etwa einer Stunde ist das Geschwür auf. Hedda ist Jazz‘ kleine Macke nicht entgangen, jedenfalls scheint sie etwas an ihrer Tochter zu riechen, was sie mit ihr nicht in Verbindung bringt. Sie dreht sie auf den Rücken und leckt ihr hingebungsvoll den Bauch und die Wunde gesund. Klar, dass Jazz nicht ewig ruhig liegenbleibt und weg will, dann lässt sie sie laufen und greift sie sich nach einer Viertelstunde erneut, um ihr den Bauch erneut gesund zu lutschen. Abends ist an JuleJule kennt ihre PappenheimerJazz‘ Bäuchlein nur noch ein fast ausgetrockneter kleiner Kegel wie ein Minivulkan zu sehen. Hedda, das hat sie heute bewiesen, ist nicht nur eine fürsorgliche Mutter, sondern auch eine sehr brauchbare Krankenschwester.   

Nachmittags machen wir unsere Jays mit Rindersticks bekannt, an denen sie ein Weile zu kauen, knatschen und arbeiten haben. Zur Stärkung der eigentlich schon recht kräftigen Kiefer, stellen wir sie später mit zwei Händen voll Lammrippchen vor – keine Probleme. So etwas Knochiges haben sie noch nicht gesehen, aber sie wissen, wie es geht: Hinten zwischen die Backenzähne und dann kräftig zukneifen. Die Geschicktesten ziehen sie sich bald, wie die Großen, zwischen die Vorderpfoten, stellen sie auf und nagen hingebungsvoll daran. Letztlich ist das eine Übung, die ein richtiger Hund und echter Hovawart beherrschen sollte, aber aktuell wenig zu seinem Tagesbedarf beiträgt, erstens, weil an den dürren Dingern eh kaum etwas dran ist und zweitens, weil Fianna das alte Spiel „Schau nicht um, der Fuchs geht um“ spielt und skrupellos klaut, was nicht gerade fest verkiefert ist. Egal, es geht ja nur um JanitschekJanitschek mit seinem LammrippchenErlebnisgewinn und Horizonterweiterung. Aber dieser Horizont musste eigentlich nicht einmal aufgezeigt, geschweige denn erweitert werden; der wird in der Grundausstattung mit ausgeliefert.      

Obwohl oder gerade weil die Knöchelchen wenig Substanz liefern werden, bietet es sich an, wieder einmal einen Blick in das Gewichtsprotokoll zu werfen. Und das dokumentiert einen ebensolchen Zuwachs wie gestern. Die übergeordnete Wachstumsinspektion scheint sJasnaJasnaich noch nicht sicher zu sein, ob die gestrige Aufbauleistung allfälligen Schwächeperioden würde trotzen können. Es sind heute 10 g weniger als gestern: 2310 g.

Joschi bleibt, wie erwartet, Leader oft the pack mit 6150 g (+380). Das ist eine ordentliche Hausnummer mehr als gestern. Er hat demnach nicht vor, sich abräumen zu lassen. Mit 6010 g folgt ihm Jackl mit 360 g plus. Jazz zementiert ihren dritten Platz mit 5960 (+360). Janitschek beschließt die erste Hälfte mit deutlichem Abstand: 5440 (+140). Wenn es in letzter Zeit überhaupt Bewegung in der Rangliste gegeben hat, dann in der zweiten Hälfte, aber auch da breitet sich derzeit eine gewisse Langeweile aus. Jasna bleibt mit diskretem Abstand aber zäh an Janitschek dran: 5200 (+300), 5090 g bringt Judica auf die Waage (+340). Beide sind jetzt auch Zehnpfünder. Jeannie bleibt sich treu und unverdrossen (spielen frisst viel Energie): 4910 (+330) und Jule ist es eh wurscht, solange sie ihr Ding machen kann: 4010 (+100).  

Joschi und Jackl haben mit dem heutigen Tag nicht nur die sechs Kilo-Marke übersprungen, sondern dabei einen entscheidenden Schritt getan: Sie sind abgabereif. Die Zuchtordnung schreibt nämlich vor, dass ein Welpe für die Abgabe mindesten sechs Kilo oder das 13-fache (Hündinnen) bzw. das 15-fache (Rüden) Geburtsgewicht auf die Waage bringen muss. Joschi und Jackl haben das geschafft. Wenn da nicht die vorgeschriebenen acht Wochen Pflege beim Züchter dagegensprechen würden, könnten wir sie heute schon abgeben.

Könnten…
Joschi und JeannieJoschi und JeannieKönnen wir aber nicht! Nach fast sieben Wochen haben sie sich so in unsere Herzen geschmust, geblickt und gealbert, dass wir ihrer noch immer nicht überdrüssig sind. Sie sind sehr lieb, freundlich, lustig, schelmisch, schmusig, herzerweichend kindisch und, ja, sie können auch zupacken wie Möbelpacker und den Weg zur offiziellen Toilette nicht finden. Aber wir haben nichts, überhaupt gleich gar nichts an ihnen auszusetzen. Es gab schon Würfe, die wir genauso ins Herz geschlossen hatten, aber froh waren, wenn wir sie ausliefern konnten. Bei den Jays ist das Herzeleid deutlich größer als das Schmerzeleid. Mit fast sieben Wochen befindet die Chefin heute angesichts der beiden Zwölfpfünder: Die kann ich nicht hergeben. Die sind doch sooo süüüüß.
Und der Assi mit einem Eimer voller Putzwasser bekommt einen trockenen Hals.   

 

Samstag, 10. Juli 2021

Vor 57 Jahren veröffentlichten die Beatles ihr Album „A Hard Day’s Night“ und hatten dabei wahrscheinlich alles Mögliche im Sinn, nur nicht die kurzen Nächte nach schweren Tagen beim Blues: It's been a hard day's night / And I've been working like a dog. / It's been a hard day's night / I should be sleeping like a log. Ja, auch wir haben wie Hunde geschuftet, und zwar für unsere Hunde, und geschlafen haben wir auch wie umgehauene Bäume, nur eben nicht lange genug. 5 Uhr ist immer zu früh. 5 Uhr sechs Wochen lang (ok, mit ein paar kleinen Ausnahmen) ist definitiv zu früh und ungesund. Wenigstens halten die Zwerge morgens ihre Klappe, was wir schon ausführlich behandelten, weil der Assi keine Lerche, sondern eine Eule ist und deshalb mit Morgenratsch und -tratsch nur schwer umgehen kann. Gegröle wie am Ballermann machen ihn für den ganzen Tag unbrauchbar. In dieser Hinsicht gehören die Jays zu seinen All-Time-Favoriten.    

Was jedoch fast immer hilft, ist ein blau lachender Himmel, auch wenn ihn die Temperatur mit 11 °C nur unzureichend wärmt. Aber weil der Tag so bleibt wie er beginnt und nachmittags seriöse 24 °C liefert, bleiben die Beschwerden unter Verschluss.

Gehen auch wir den Tag seriös an und beginnen mit der Waage, die sich vermutlich auch danach sehnt, demnächst nicht mehr jeden Tag solchen Belastungen ausgesetzt zu sein. Es sieht nämlich so aus, als ob die Jays in dieser Woche den Berg für ihr endgültiges Abgabegewicht erstürmen wollten, es ist eine gewaltige Energieleistung, die sie in dieser Woche vollbringen. Erinnern wir uns: Zu Beginn dieser siebten Woche wog die ganze Mannschaft im Schnitt 4685 g, gestern waren es bereits 5346,25 g und heute, soviel nehmen wir vorweg, nehmen sie noch einmal 2190 g zu, was einen Durchschnitt von 5620 g ergibt. Das ist ein Kilo in fünf Tagen. Und diese Woche ist noch gar nicht vorüber. Dabei, auch das muss gesagt werden, hat von denen niemand überschüssiges Fett; die sind einfach proper und altersgerecht kugelporschig.

Joschi, abgestürztJoschi, abgestürztJackl 6370 (+360), Joschi 6320 (+170, so findet man sich plötzlich auf dem zweiten Platz wieder), Jazz 6200 (+240), Janitschek 5710 (+270), Jasna 5590 (+390), Judica 5360 (+270), Jeannie 5060 (+150) und Jule 4350 (+340!). Damit hat auch Jazz ihr Abgabegewicht erreicht und wir denken darüber nach, ein paar Fastentage einzuschieben, um das Rad zurückzudrehen.

Das könnte deswegen nötig werden, weil körperliche Betätigung ihnen offensichtlich zu wenig Energie abverlangt. Denn dieses Ergebnisse kommen trotz immer ausführlicher und intensiverer Aktionszeiten zustande. Die Wippe ist ein Dauerkumpel, der unentwegt rauf und runter bemüht wird, beim Bällebad kann man manchmal nicht unterscheiden, ob gerade Bälle raus oder Welpen reinfliegen oder andersrum. Wer meint, die Hängeschaukel wäre die Möglichkeit abzuhängen und zu chillen, hat keine Ahnung, wie gemein Geschwister sein können, wenn sie eifersüchtig auf ein Schaukelplätzchen unterm Apfelbaum sind; mehr Kämpfe hat man den ganzen Tag nicht zu bestehen als auf dieser Schaukel.  

ZwockelZwockelDoch das absolute Highlight des Tages ist Zwockel, ein Amerikanischer Schnauzer, Busenfreund von Fianna und geduldetes Gemeindemitglied bei Hedda. In ihren Kindergarten lässt sie ihn jedoch ohne Murren. Gefahr geht von ihm offensichtlich keine aus. Sie hält sich wachsam im Hintergrund, während die acht mit dem Knuddel herumtoben und auch Zwockel augenscheinlich einen Heidenspaß mit den Fellmäusen hat. Solche Hundekontakte sind mit keinem Geld der Welt zu bezahlen, weil sie den grundsätzlich eitlen und von ihrer Ausnahmestellung zutiefst überzeugten Hovawarten – ja, auch schon die Zwerge! – früh vermitteln, dass auch andere Exemplare mehr als nur eine Existenzberechtigung haben, sondern im Gegenteil sogar die Daseinsfreude steigern können. Falls jemand an den zukünftigen Heimatorten unserer Kinder zufällig diesen Text liest und einen Amerikanischen Schnauzer in der Familie hat – auf los, geht’s los; unsere Jays sind einschlägig konditioniert.

Damit ist schon fast alles gesagt. Pansen gibt es noch einmal, den sie in der bereits bekannten Art würdigen und der letztlich vor allem unser Damen glücklich macht. Und dann legt sich ein Gewitter mit Regen übers Mangfalltal, das uns ins Haus und in die Betten treibt.

 

Sonntag, 11. Juli 2021

Das Gewitter ist weg, aber der Regen fühlt sich noch für das Wohlergehen der heimischen Landwirtschaft verantwortlich. Blau, blau, blau blüht der Enzian, doch grau, grau, grau kommt die Endzeit an. Aber um 5:45 Uhr bleibt dem Himmel noch genügend Zeit, sich eines Besseren zu besinnen.

Das heutige Wiegeprotokoll zeigt eine sehr seltsame, dreigeteilte Spreizung der Auflastungen. Zwei outen sich als Hungerhaken, vier als dem Alter angemessene Futterverwerter und zwei als diejenigen, die offenbar den Hungerhaken alles abspenstig gemacht haben. Fangen wir bei den Knausern an: Jazz 160 g (5360); das reicht zwar immer noch um Längen für den gewohnten 3. Platz, lässt aber staunen. Ihr schließt sich Jasna mit 170 g an (5760), was auch weiterhin für den 5. Platz gut ist. Das Mittelfeld bilden Janitschek mit 270 g (5980, 4. Platz), Jackl 280 g (6650, 2. Platz), und mit jeweils 300 g Judica (5660, 6. Platz) und Jule (4650, Schlusslicht). Die heutigen Großaktionäre heißen Jeannie mit 370 g (5430, was aber trotzdem nur für den 7. Platz reicht) und Joschi mit 400 g (6720), der sich damit den 1. Platz von Jackl zurückmampft.

Heute ist Soo-Mi zu Besuch, Patenkind der Chefin, demnächst Miteignerin von Jazz und zehn Jahre alt. Vor allem aber ist Soo-Mi hundefest wie nicht viele Zehnjährige. Demnach ist es für sie eine Selbstverständlichkeit, im Hundebett zu hocken und von 32 Beinen zerwuselt und von acht flinken und übermütigen Kiefern attackiert zu werden. Wer diesen Hunnensturm schon einmal überlebt hat, weiß, worüber wir gerade reden. Und Soo-Mi hält stramm dagegen, weiß sich zu wehren, auszuweichen, umzulenken und abzuwehren, doch einmal quietscht sie schmerzlich auf, vermutlich, weil Joschi sie am Ohr erwischt hat. Das ist Heddas großer Augenblick; sie flitzt herbei, setzt sich Soo-Mi auf den Schoß, drängt mit Janitschek und JeannieJanitschek und Jeannieihrem ganzen Körper die Horrorzwerge von ihr ab und spielt mit Joschi, damit er sie nicht mehr anzwacken kann. Wir können kaum glauben, was wir sehen: Diese übermütige, leichtfüßige und so lebenslustige Hündin hat einen Tiefgang, den ihr niemand zugetraut hätte. Und es scheint, dass dieser Tiefgang mit jedem Tag ihrer Mutterschaft tiefer geht.

Dass das nicht nur Flausen sind und Einbildungen, die wir in Hedda gern umgesetzt sähen, dokumentiert sie schon direkt nach dem Frühstück beim Wiegen. Während alle, die gerade nicht auf der Waage sind, herumalbern und sich zu Paaren jagen, sucht sich Hedda Jazz aus dem Mob heraus, dreht sie auf den Rücken und untersucht ihren Bauch, ob die Wunde abgeheilt ist: Sie ist. Dennoch spendiert sie ihrer Tochter noch ein paar Zungenstriche, dann darf Jazz sich wieder unters Volk mischen und mittoben; Mutter ist zufrieden. Wir haben mit Anouk und Fianna schon zwei Überglucken gehabt, aber so viel Für- und Nachsorge haben wir noch nicht erlebt. Dabei ist Hedda neben diesen Aktionen fast unsichtbar in ihrer Mutterrolle, fast wie ein guter Schiedsrichter: Er greift ein, wenn es nötig ist und nach dem Spiel kann sich niemand mehr an ihn erinnern. So viel tiefgründige Mutterschaft haben wir von Hedda nicht erwartet, und wir kennen niemand, der uns widersprechen würde.

HalsbänderSchicke HalsbänderGanz langsam wird es Zeit, die Jabberwockys auch aufs richtige Leben vorzubereiten. Und dazu gehören Halsbänder. Später ist dieses Accessoire eine Selbstverständlichkeit, aber zu Beginn eines Hundelebens ist es unangenehm, weil unbekannt, und lästig. Manche Welpen wehren sich heftig dagegen, andere nehmen es gelassen und wieder andere kaum davon Kenntnis. Wir gewöhnen unsere Welpen immer zum Ende hin an ein Halsband, weil wir einerseits sicherstellen wollen, dass die Welpen bei der Abgabe mit einer Leine gesichert werden können und andererseits nicht wollen, dass die neuen Herrschaften gleich negativ verknüpft werden, weil sie als erste Amtshandlung so ein Würgeteil umlegen. Das erledigen wir; wir können damit leben, kurzfristig Buhmann und Buhfrau zu sein. Deswegen legen wir ihnen heute beim Vormittagssnack Halsbänder um. Jeder und jede bekommt ein hübsches Schmuckstück in der Farbe seiner Welpenmarkierung, was uns auch weiterhin eine schnelle Identifizierung ermöglicht. Beim Mampfen sind sie so abgelenkt, dass sie kaum registrieren, was da mit ihnen angestellt wird, und zudem ist das Halsband wegen des Futters positiv belegt. Und tatsächlich ist die Aufregung nach der Speisung gleich Null, mehr als ein erstauntes Kratzen am Hals passiert nicht. Nach einer halben Stunde, in der wir sie nicht aus den Augen lassen, falls sie sich beim Spiel in ihren Halsbändern verheddern sollten, nehmen wir sie wieder ab und der Welpenalltag geht weiter, als wäre nichts geschehen. Viel Aufregung hatten wir bei dieser Übung noch nie, obwohl wir weit obstruktivere Kinder hatten als diese hier, aber so wenig Abwehr hatten wir auch selten. Die Jays sind so lebensfest wie ihre entspannte Mama.

RudelbildungRudelbildungNoch ist der Tag nicht vorüber, noch ist Platz und Zeit für neue Erlebnisse. Dafür ist es jedoch ratsam, den Himmel im Auge zu behalten, der sich nach Mittag sehr wechselhaft gibt, aber im Verlauf des Nachmittags immer offenherziger wird. Das ist der Moment, wo der Frosch ins Wasser rennt oder die Zwerge durchs Mangfalltal rennen dürfen. Wir sichern im Auto den Platz hinterm Fahrersitz und nach hinten mit VetBeds, stapeln die acht Abenteurer in den Familien-Caddyllac, JudicaJudicaMama und Oma nehmen Platz in ihrer Box, Chefittchen neben ihren acht Zwergen, um sie unter Kontrolle zu haben – und dann, es ist 18:30 Uhr, geht’s los. Nur wenige Minuten beträgt die Fahrt, die sie nahezu ohne Murren absolvieren, eher neugierig nach einem Schlupfloch spähen, das sie nicht finden, jedenfalls nicht in der Kürze der Zeit. Jule ist nach ihrer Fahrt zur Tierklinik sowieso superentspannt, und macht es sich bequem, was sie auch auf ihre Geschwister ausstrahlt. Und dann geht es raus in die unendliche Mangfallsavanne, JasnaJasnain deren Gras die Knirpse fast verschwinden. Mama und Oma kümmern sich nicht um den Zwergenausflug, sondern sorgen für ihre eigene Belustigung. Und so stapfen, hüpfen und springen sie herum, aber immer in großer Nähe zu uns. Das macht einen solchen Spaziergang in diesem Alter ja so unspektakulär, weil keine Gefahr besteht, dass eine(r) ausbüxt; die wissen alle, dass der Verlust des Rudels den sicheren Tod bedeutet. AJacklJackllso scharen sie sich weitgehend zusammen und verlieren uns nicht aus den Augen. Es scheint, dass ihnen das kleine Abenteuer richtig Spaß macht, weil vielleicht ein Paradies auf die Dauer doch zu eintönig ist, selbst wenn es ein Abenteuerparadies ist. Neue Reize braucht der Hund, und er nimmt sie dankend und offenbar frohgemut an. Nur Jeannie jammert ein bisschen herum, weil sie immer ein bisschen jammert, wenn sie mit Neuem konfrontiert wird, was sich aber schnell legt und ad acta gelegt wird – was sie verinnerlicht hat, macht ihr dann schnell nur noch Spaß. Doch jetzt stellt sich der Spaß noch nicht so unbedingt ein, weswegen sie vermutlich die ist, die am frohesten von allen ist, als wir alle nach 20 Minuten wieder einpacken und nach Hause kutschieren.

In ihrem Stammparadies fallen sie fast unverzüglich in einen Tiefschlaf, in dem sie sichtbar ihre Wegstrecken noch einmal abstrampeln, juchzen und viel Material zu verarbeiten und sortieren haben.

Mehr geht heute wirklich nicht mehr, denn nicht nur die Knirpse sind platt, auch wir haben genug für heute, was allerdings nicht bedeutet, dass wir uns mit ihnen um 19 Uhr schlafen legen. So paradiesisch ist unser Paradies auch wieder nicht.  

 

Montag, 12. Juli 2021

59 Jahre ist es heute her, also genau am 12. Juli 1962, dass fünf junge Bluesjünger ihren ersten Auftritt hatten, und zwar im Marquee-Club zu London. Der Auftritt war nicht ganz so umjubelt, wie sich die Fünf das ausgemalt hatten, dennoch gilt er als das offizielle Gründungsdatum der Rolling Stones. Später haben sie es ja dann noch einigermaßen hingekriegt mit dem Jubel, was uns lehren sollte, dass eine anfänglich mittelmäßige Performance nichts über das Ende besagt. So viel ins Stammbuch ungeduldiger und ergebnisorientierter Welpenkäufer.

Jackl und JoschiJetzt sing schon endlich mit!59 Jahre später, im Mangfall-Club zu Vagen, werden kleinere Brötchen gebacken, zumal noch niemand wissen kann, ob nicht vielleicht der eine oder die andere Jabberwocky eine jesus- und jenseitsmäßige Karriere hinlegen wird, über die man noch im Jahre 2080 an hundenarrischen Stammtischen ehrfurchtsvoll tuscheln wird. Das Zeug dazu hätten sie.

Fest entschlossen, in die Annalen des Bairischen Blues einzugehen, scheint jedenfalls Jackl zu sein, der sich aufmachte, endlich klare Verhältnisse auf der morgendlichen Waage zu schaffen. Das Hin und Her mit seinem Bruder Joschi ist ihm offenbar langsam zu albern; ein Bürgermeister muss unmissverständlich in seiner Ansprache sein, sonst taugt er bestenfalls zum Bügelmeister im Ausbügeln. Also, gehen wir die Kalorienaufbereitung des heutigen Tages an.  

Jackl schwingt sich als Erste(r) über die sieben Kilo und schafft das mit dem zweitstärksten Zugewinn des Tages: 7020 (+370). Mit 100 g weniger an Auflastung kommt man schnell unter die Räder, auch wenn man Joschi heißt und Ansprüche hat: plus 270 g (6990). Jazz lässt sich von dem Bullenrennen vor ihr nicht ins Bockshorn jagen und mampft sich von drittem Platz zu drittem Platz zu drittem Platz, was für eine Hündin in diesem Entwicklungsstadium eine starke Nummer ist: 6650 (+290). Janitschek markiert mit 390 g den Goldstandard für heute, kommt aber mit 6370 g dennoch nicht über seinen vierten Stammplatz hinaus. Hinter ihm wird es dann gewohnt eintönig. Jasna 6120 (+360!), Judica 6020 (+360!) Jeannie 5540 (+110) und Jule 4890 (+240). Mit über sechs Kilo haben damit Janitschek, Jasna und Judica ebenfalls die Veräußerungsmarke überschritten und dürften ihr Pflegepersonal wechseln. Aber daran denken sie bestimmt keinen Augenblick, was wir den bereitstehenden Kidnappern in der kommenden Woche noch beibiegen müssen.

Dieser Montag zeigt sich in zweierlei Hinsicht von seiner schönsten Seite. Einerseits erstrahlt er wörtlich in schönstem Bajuwarenblau und liefert Temperaturen über 25 °C, was unsere Herzen öffnet, aber den Kindern den Treibauf austreibt; sie hängen und chillen fast den ganzen Tag wie Rentner auf Ibiza herum. Das befreit uns von der Pflicht eine allen gerecht werdende Chronik der laufenden Ereignisse zu erstellen; eine Chronik der schlummernden Ereignisse wäre ja eher etwas für Verschwörungstheoretiker.

JuleJuleDie zweite und wirklich uneingeschränkt schöne Seite des Tages ist Jules Befund in der Tierklinik. Wir hatten ja beschlossen, vor Abgabe der Welpen nochmal einen fachlichen Blick auf Jules Auge zu werfen, um zu erfahren, ob es sich gesund entwickelt hat. Wieder erobert die einäugige Piratin die Klinikherzen im Sturm, und wenn man einer Augenfachärztin nicht generell eine grundsätzliche Seriosität unterstellen müsste, könnte man auch mutmaßen, dass sie zu Jules Gunsten eine reine Gefälligkeitsdiagnose erstellt haben könnte, um ihr das Leben zu retten. Nach ihrer Aussage hat sich Jules vorhandenes Auge nach ausführlichen Untersuchung nämlich völlig normal entwickelt und erspart ihr die Reise über den bayerischen Jordan, was eine Vielzahl von Herzen auf immer und ewig gebrochen hätte. Jule sieht auf diesem Auge dem Alter entsprechend normal und darf sich einer schönen und ereignisreichen Zukunft erfreuen. Und ab jetzt darf sie auch mit einigem Recht auf ihren zukünftigen Namen Nike hören, auf den schon die griechische Siegesgöttin hörte. Beim Bairischen Blues ist eben alles ein wenig anders, denn bei den Römern hieß es noch Nomen est Omen, beim Blues wird das Omen zum Nomen. Alles ein wenig spezieller hier. Wenn das tote Auge keine Zicken macht, kann es bis in den sechsten Lebensmonat hinreichen, bis man es endgültig zunähen muss, damit keine Keime eindringen und Infektionen verursachen können. Das gilt es zu beobachten.

Joschis PansensushiJoschi's SushiSchöner und herzfreudiger kann eine vorletzte Woche nicht zu Ende gehen; da wird sogar der Blues zum Pogo. Wir beschließen diesen Freudentag mit Alexandra, die Jule mit der Chefin in die Klinik begleitet hatte (Handwerker im Haus mussten vom Assi im Auge behalten werden), und ihrer Familie mit einer Riesenportion Sushi auf unserer sonnengefluteten Paradiesterrasse. Es wird spät heute und immer gelöster.

Vor 37 Jahren, am 12. Juli 1984, saß der Chronist deutlich weniger gelöst mit Freunden in einer Traditionsgaststätte in München-Trudering, als sich der Himmel zum Orkus verfinsterte und ihm die leibhaftige Hölle um die Ohren hagelte. An dessen Ende war sein Wagen Schrott und der Parkplatz, bestückt mit Fahrzeugen der Oberst- und Luxusklasse, ein nie gesehenes Millionengrab geworden. Kernig kraftvolle und wohlbestallte bayerische Mannsbilder standen am Tresen ums Telefon an (Handys gab es ja noch nicht), um mit tränenerstickter Stimme, bei Frau, Geliebter und Versicherung vom soeben erlittenen Schicksalsschlag zu berichten. Bis über die Knöchel in Hagelkörnern stehend und vom zu Streifen zerfetztem Stoffdach seines Fiat Pandas im strömenden Regen stehen gelassen, chauffierte er damals durchweicht und verstört nach Hause. Er hatte soeben das schlimmste Hagelunwetter seit Menschengedenken erlebt, das 300 Verletzte gefordert und einen noch nie dagewesenen Sachschaden von 1,5 Milliarden Euro (nach heutiger Währung) verursacht hatte. Aus heutiger Sicht fühlt sich das Drama des Jahres 1984 an wie ein Stürmchen im Wasserglas. Wir haben es weit gebracht – in nur 37 Jahren. Wenn wir nur in anderen Belangen auch so effektiv gewesen wären…

Der fröhlichen Runde an der Sushi-Tafel bleibt diese Episode seines Lebens verborgen. Es reicht doch völlig, wenn ihm eine zu groß geratene Portion Wasabi die Luft raubt. Es muss auch nicht immer Kaviar sein, aber ein giftiger Fugu muss es genauso wenig sein. Ein echt giftiger Fugu wäre es beispielsweise, wenn die Gewitter, die sich fern am Horizont an uns vorüberschleichen, einen Abstecher hierher unternehmen würden. Tun sie aber nicht, heute ist auch nicht 1984 und George Orwell hatte sich, vom Hagel abgesehen, kräftig verrechnet. Doch Geduld, das wird schon noch, beim Klima hat es ja auch geklappt.