Inkubation - die Brutzeit des I-Wurfs

Mittwoch, 2. Januar 2019, 14. Tag n. E.

Wie vermutet, hält die Welt keine Sekunde den Atem an, sondern hastet und hyperventiliert im alten Muster weiter. In Brasilien dreht ein Menschenfeind und Naturfrevler die Zeit Lichtjahre hinter das gerade abgelaufene Jahr zurück und der Zukunft die Luft ab, in Dänemark liefert ein Zugunglück Tote, der Kaiser von China droht Taiwan mit der Zwangsheimholung ins Reich und in Norddeutschland ist Land unter. Der Seehofer will schon wieder ein wenig an der Migrationsschraube drehen und findet den rassistischen Amokfahrer von Bottrop nicht so schlimm wie die besoffen randalierenden Araber in Amberg. Morgen pinkeln sehr wahrscheinlich die Italoclowns der EU wieder in den Spiegelsaal und übermorgen kapert Putin Estland, weil er doch nur wissen will, wie lange die anderen quietschen, bis sie aufschreien. Dazu hätte es wirklich keinen Jahreswechsel gebraucht. Same procedure as last year.

An diese Losung hält sich auch Fianna strikt, indem sie bei der heutigen Fortschrittskontrolle einen fetten schwarzbraunen Blutpfropfen aufs Taschentuch appliziert – die termingetreue und allfällige Schmierblutung. Bei ihrem ersten Wurf hat uns das noch irritiert und besorgt, beim zweiten beruhigt, und heute wissen wir: Fianna ist auf dem Weg zur dritten Mutterschaft. Dieser Hund spult seine Schwangerschaft ab wie ein Projekt; da werden Milestones gesetzt und eingehalten, Erfolgskontrollen eingeflochten und dann, wie es bei einem kompetent gesteuerten Ablaufplan sein sollte, spätestens zum avisierten Termin geliefert. Das hat schon etwas Anachronistisches im postpräzisen Deutschland.  

Auch Hedda kommt ein bisschen zurück in die Spur, ist zwar immer noch eine Nervensäge und, was ihre nächsten Absichten angeht, kaum kalkulierbar, aber zumindest an den Trainingseinheiten findet sie wieder richtig viel Spaß und kann sich vor Eifer kaum bremsen. Die Chefin ist zufrieden und voller Hoffnung, dass ihr Herzenszwerg bald wieder zu großer Form aufläuft.

Wenn ihre Damen schon beide in jeweils ihrer Weise aktiv sind, beschließt die Chefin, den Rest ihrer Ferien auch nicht herumzutrödeln und setzt die vor Monaten begonnene und auf Sabbatical gesetzte Kellerrenovierung fort: verputzen, malern, umräumen, entrümpeln, neu organisieren. Welch ein Segen, dass sich der Assi vor Arbeit kaum retten kann, sonst hätte er noch auf Kellerassi umsatteln müssen. Aber natürlich will er sich nicht der Faulheit bezichtigen lassen und führt die schwarzen Elfen fast zwei Stunden, eine nach der anderen, hinaus in die den ganzen Tag durchs Mangfalltal peitschenden Schnee- und Graupelschauer. Wie ein Schneemann kommt er nach Hause, gerade, dass er keine Karotte im Gesicht hat. Da soll die Chefin bloß froh sein, dass sie sich einen mollig warmen Arbeitsplatz ausgesucht hat. Der Assi hat sich auf dem Weg seinen Hündinnen optisch angeglichen: zerzauselt wie eine unter die Räuber gefallene Diva. Zuhause unterscheiden wir uns dann kaum noch: Herr und Hunde weiß von den Elementen und die werkelnde Hausmeisterin weiß vom Gips und den Pigmenten.

Das neue Jahr kann kaum erfüllender durchstarten.

Und abends besuchen wir dann auch noch den benachbarten Hias, ohne seine Mutter und Schwester, was diesen fassungslos, dafür aber umso anhänglicher  macht. Und wir plaudern uns beschwingt gen Mitternacht.

 

Donnerstag, 3. Januar 2019, 15. Tag n. E.

Das Wetter beruhigt sich und schmeichelt sich mit zwar frostigen, aber vielfach heiteren Angeboten ein. Der Morgen startet mit -5 °C, und um 15 Uhr messen wir bei einem strammen Nordwest immer noch oder schon wieder -2 °C. Das ist so frostig, dass die Kordel des Spielballs steif wie der Eselsschwanz am Wetterhäuschen ist, was Hedda für ihre Zwecke nutzt und sie ihrem Assi beim Spaziergang konsequent von hinten in die Hand schiebt, damit das Spiel weitergeht: zerren oder werfen, das ist hier keine Frage. Zerren und werfen, das ist keine Frage! Bis die Schulter luxiert.

Fianna geht ihrerseits den Gang der werdenden Mutter und der sieht so aus: Erst mal ausgiebig pinkeln und dabei die Gegend scannen, um im Ernstfall keine Zeit zu verlieren. Dann erste Anwesenheitskontrolle in der näheren Umgebung des Parkplatzes: wer ist hier, wer war hier und wer geht ab. Dann kompromissloses Bedrängen des Ballhalters mit Beinsichel, Ohrenpiercing und, bei Widersetzlichkeit, Angriff auf die rückwärtige Balltasche. Bei Erfolg: Catwalk mit ausgebaumtem Großmast am Hinterende und Victory-Zeichen im Blick. Bei Misserfolg (Standard): Beinsichel, Ohrenpiercing... Was die umtriebige Ballartistin nicht weiß: Wir bestehen auf eine angemessene Aufwärmphase, weil wir wegen der anberaumten Kinderschar unbedingt vermeiden wollen, dass sie sich im kalten Zustand etwas zerrt und dann möglicherweise Schmerzmittel braucht. Im Gegensatz zu Heddas Bewegungsbild beschränkt sich unsere Sorge bei Fianna ausschließlich auf die Ballzugriffsphase, denn anschließend geht sie nahezu abrupt in statisches Mäusebannen über; Ball abgelegt, Nase im Loch. Und Mäuselöcher gibt es so viele, dass jeder Falke aller saudischen Prinzen sein eigenes bewachen könnte. Währenddessen setzt der Ballassi seinen Weg fort und Fianna folgt ihm, je nach Laune, früher oder später. Guter Hund, tolle Fianna. Übernahme der Gehorsamsvergütung mit sofort anschließende Beinsichel und Blickkontakt auf Nasenhöhe. Ball fliegt wieder. Verfolgung, Ballzugriff und Mäusevisite. Variante: Fianna taucht ohne Ball bei ihrem Assi auf. Hol deinen Ball, los! Egal, wo sie ihn unter welchen Umständen liegen ließ, sie weiß immer, wo ihr Ball liegt. Und ab geht sie, Schalk im Blick, Rutenspitze knapp unterm Himmelszelt. Rückkehr dito. Toller Hund, prima Fianna. Der Ballassi nutzt diese Art des kontemplativen und weitgehend untätigen Spazierens, um beispielsweise solche Dokumentationen im Geiste zu verfassen und sie zu Hause nur noch aufzuschreiben. Würde er immer nur mit Hedda unterwegs sein, gäbe es wahrscheinlich keinen Baby-Blog. So sorgt Fianna selbst für ihre Vermarktung im Internet.

Zu Hause spachtelt und weißelt derweil die tüchtige Hausfrau. Da bleibt dem Spaziergänger nicht mehr viel zu tun; nur den gesammelten Sperrmüll gilt es noch zu überprüfen, damit nichts entsorgt wird, was noch gebraucht wird. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

 

Freitag, 4. Januar 2019, 16. Tag n. E.

"Gibt es nun viel Regen, gibt´s dem Sommer keinen Segen." Sagt der Bauernkalender, und o freuen wir uns auf einen schönen Sommer, denn nun zieht der Winter mit feinstem und ergiebigem Schneestaub ein.

Und der Keller bekommt seinen letzten Schliff und neue Regale.

 

Samstag, 5. Januar 2019, 17. Tag n. E.

Jetzt ist er da, der Winter, mit seiner ganzen Entourage: Schnee, Sturm, Verwehungen. Eigentlich wäre für heute eine Geburtstagsfahrt ins Schwabenland geplant: abgesagt. Der Ferienrückreiseverkehr steht fast überall still, und Unfälle gehören zum Programm. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Bahnfahrt heutzutage nicht nur nicht mehr lustig ist, sondern unter diesen Umständen eine mit Endstation im Nirgendwo. Und mit zwei Hunden muss man sich das schon zweimal nicht antun. Es haut uns heute den Schnee so um die Ohren, dass wir sogar die Fahrt zum Wertstoffhof in die ungewisse Zukunft verschieben und unseren Sperrmüll bis dahin weiter im Keller bunkern (weitere Gelegenheit zur Kontrolle!). Kurz: Wir bleiben zu Hause, jeder unnötige Meter mit dem Auto ist Unsinn. Indooring.

Außer den Hundelüftungen natürlich. Ein Hochamt für die Pelzträgerinnen bei solchem Wetter! Jetzt wird Fianna vollends zum Schachterlteufel mit blitzende Augen und gezauseltem Fell. Allerdings, so scheint dem Spaziergänger, hat sie körperlich schon etwas zugelegt, ist augenscheinlich schon ein wenig pummelig geworden. Ein Grund sind sicher die reichlichen Gehorsamsvergütungen, die sie sich auch alle redlich verdient, aber auch die Bettelkontingente, die sie vor allem bei anderen Begleitkonstellationen als der mit ihrem Ballassi einheimst. Kaum jemand, der sich dem Charme dieser werdenden Mutter entziehen kann, niemand, den sie nicht unverfroren um den Finger wickelt. In der Tat gewinnt Fianna mit jeder Trächtigkeit mehr an Ausstrahlung, Persönlichkeit, Charme und Witz. Sie kriegt sie alle und sie kriegt sie alle rum. Die Spaziergänge mit ihrem Assi sind dagegen fast so etwas wie Diätunterbrechungen, eine Art Intervallfasten. Aber auch der humorlose Assi genießt die Zeit mit ihr da draußen, ihre Lebensfreude und ihre gelegentliche Dreistigkeit, wenn es um ihren Ball geht. Mehr Spaß hätte er allerdings, wenn er sie ohne Schneesturm genießen könnte. Ach, Hund müsste man sein, dann hätte man keine Brille. Oder man brächte einen Scheibenwischer an dieser an. So Einträchtiges WartenGespanntes Wartenaber ahnt der Assi nur noch, was seine Fianna im Schneetreiben so treibt, sehen tut er es längst nicht mehr.

Insgesamt bewegen sich die Temperaturen heute zwischen -1 °C morgens und 1 °C nachmittags, dann allerdings mit elendem Schneeregen, der noch ekliger zu ertragen ist als der Schneesturm morgens.

Und was sonst? Nichts. Keine Meldungen zum Kinderfortschritt. Gespanntes Abwarten.

 

Sonntag, 6. Januar 2019, Dreikönigstag und 18. Tag n. E.

Schneeregen, Pappschnee, Wind. Die Wege sind von einer Zentimeter hohen Sülze bedeckt, die kaum ein Fortkommen ermöglicht. Wo man sonst einen Schritt macht, braucht man jetzt zweieinhalb. Es sei denn, man hätte vier Beine, aber selbst die geraden unter diesen Bedingungen gelegentlich außer Kontrolle. Irgendwie fühlt sich das an wie Treibsand. Aber während wir im Mangfalltal nur diese ekelige Sauerei haben, steht den Nachbarn in Miesbach oder in Holzkirchen, gerade mal 15 km entfernt, der Schnee bis zur Halskrause. Dort steht alles still.

Was machen eigentlich die wärmeverwöhnten Heiligen aus dem Morgenland unter solchen Bedingungen? Sie kämpfen sich allen Widrigkeiten zum Trotz durch, singen uns ein dissonantes Liedlein, nebeln uns mit Weihwasser ein und segnen unser Haus: 20*C-M-B*19. Danke, wird schon werden und gutgehen.

 

Montag, 7. Januar 2019, 19. Tag n. E.

Im ganzen Oberland ist der Katastrophenfall ausgerufen, für die Schüler sind die Ferien um eine Woche verlängert worden – und bei uns regnet es. Das Geläuf wird dadurch nicht besser, aber wenigstens läuft hier der Verkehr.

In gewisser Weise ruht nicht nur Fianna in sich und in ihrem Kudde-Bett, sondern auch die Anzeichen einer Schwangerschaft. Nur ihr optische Formerweiterung deutet auf interne Prozesse hin. Wir beginnen also langsam mit den Wurf-Vorbereitungen und waschen schon mal die VetBeds durch, die zwar gewaschen, aber eben doch zwei Jahre im Keller ausharren mussten.

 

Dienstag, 8. Januar 2019, 20. Tag n. E.

Aprilwetter, bis 4 °C, viel Wind, Regen, Schneeregen und sogar Sonne, Aprilwetter eben. Aber der nächste winterliche Paukenschlag wird uns schon angedroht. Und die Oberländer ziehen schon die Köpfe ein.

Wegen Fiannas optischer Formerweiterung bei deutlich reduzierten Futtergaben und den berichteten Gefälligkeiten an der frischen Luft, sind wir doch neugierig und wollen mal wissen, ob unsere Wahrnehmung zutrifft. Und das tut sie. Fianna hat zwar ein Kilo abgenommen, aber zwei Zentimeter von der vorderen Messposition in die Körpermitte verschoben. Vorne sieht man die Abnahme nicht, aber die mittige Zunahme bleibt kaum verborgen. Fianna baut vor und an, verwertet, was verwertbar ist. Kinderfürsorge beginnt bei der Vorratshaltung.

Wenn der Chronist nicht so viel mit Fianna und ihren Ballspielereien draußen gewesen wäre und dabei viel Zeit gehabt hätte, sich seine Gedanken zu machen, hätte diese 3. Woche eigentlich keinen eigenen Eintrag verdient. Außer Wetter und Keller war nämlich nichts los. Wie so häufig, ist die dritte Woche eine ohne Eigenschaften, eine zum Sammeln und Durchschnaufen. Wenn die Vorzeichen nicht trügen und Fianna Kinder durch den Schnee und Matsch trägt, dann wird sich das jetzt schnell ändern. Schau mer mal...