Inkubation - die Brutzeit des I-Wurfs

Donnerstag, 17. Januar 2019, 29. Tag n. E.

Wenn an Antonius die Luft ist klar, gibt's bestimmt ein trockenes Jahr, behauptet der Hundertjährige. Der Himmel ist morgens weiß-blau und die Luft ziemlich klar bei knapp über 0 °C. Da kann das Jahr also getrost trocken werden, vor allem, wenn man die in jüngster Vergangenheit  abgesetzten Schnee- und Wassermengen in Rechnung stellt. Von Belang für uns ist vor allem, dass der Hl. Antonius der Schutzpatron des Hausviehs ist. Nun wissen wir nicht so recht, ob wir unsere beiden Fellträgerinnen dem Hausvieh zurechnen dürfen oder ob damit vorwiegend Rindviecher und Schweine gemeint sind. In der guten, alten Zeit haben die Schweine an diesen Tagen nämlich besonders gutes Futter bekommen. In Bayern jedenfalls. Im Rheinland hat man sich genau fürs Gegenteil entschieden und am Antoniustag Schweinebraten aufgetragen. So war es also immer schon: Die Bayern füttern ihr Vieh liebevoll heraus und die Rheinischen fressen es ihnen weg. Gut, heutzutage füttert kein bayerischer Bauer mehr einen besonderen Antoniushappen und die Rheinischen machen sich auch ganzjährig über die Schweine her, aber man denkt natürlich schon darüber nach, ob man seinen Haustieren an einem solchen Tag etwas besonders Feines reichen sollte (obwohl bis heute nicht bekannt ist, dass die Rheinischen mit Vorliebe gemästete Hunde goutieren, somit also keine akute Gefahr besteht). Es erweist sich heute jedoch schnell als kluge Entscheidung, sich nicht von solchen Erwägungen leiten, sondern alles beim Alten zu lassen, denn Fianna lässt heute die Hälfte ihres Frühstücks stehen, was sie vermutlich auch bei Gänseleberpastete gemacht hätte. Gestern hatte sie wieder mal keine Einwände gegen ihr Frühstück, heute bringt sie nicht viel hinunter. Wir stellen die Reste weg, damit sich Hedda nicht daran vergreift. Möglicherweise hätte Fianna schon früher konsequenter verweigert, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Tochter nicht davon profitieren würde. Aber heute scheint ihr das egal zu sein; es geht einfach nicht mehr, obwohl sie beim Morgenspaziergang noch sehr guter Dinge war.

Nach dem abgebrochenen Frühstück, macht sie einen sehr lustlosen Eindruck und hängt schmollend wie ein Pubertier in ihrem Heia-Bett herum. Sollten wir den Ultraschall nicht einfach absagen? Gibt es denn noch Zweifel? Nicht doch! Erstens ist Glauben gut und Vertrauen besser, aber nichts geht an der Kontrolle mit der finalen Gewissheit vorbei. Und zweitens ist der Ultraschall inzwischen ein Kultraschall und gehört zur DNA einer jeden Blues-Generation, zumal auch der Tierarzt seinen über lange Jahre verdienten Anteil an dem Geldregen haben soll, den die Welpen über uns gießen werden; ein Scheinchen für Ibidumm, ein Scheinchen für den Doc, ein Scheinchen für Eddy und ein ganz kleines Scheinchen auch für uns. Leben und leben lassen wird beim Blues eben hochgehalten.

Für den Assi hält der heutige Tag eine in diesem Ausmaß selten erlebte Odyssee bereit. Zuerst bringt er die Chefin nach Bruckmühl zum Bahnhof, damit sie ihrer Profession in München nachkommen kann. Anschließend fährt er nach Rosenheim zur Physio für sein notleidendes Knie. Nun geht es, husch und zackzack, wieder zurück, diesmal nach Westerham, um die Chefin mittags wieder von der Bahn abzuholen. Chefin zuhause abliefern und auf die A 8 nach Prien (Chiemsee), wo sein Leibarzt schon mit einer Handvoll Blutegel auf ihn wartet, damit die sich an seinem Knie verlustieren können. Knapp drei Stunden später, nach Skelettkorrekturen, Akupunktur und Aderlass kämpft er sich an einem mächtigen Stau auf der Autobahn vorbei übers Hinterland wieder in die Heimat, wo schon Ungeduld wartet: Chefin, Fianna, dazu Anna-Maria und ihre Mama. Anna-Maria wird demnächst 12 Jahre alt und ist von unserem H-Wurf geprägt wie die Lorenz'schen Graugänse, und zwar in mindestens zweierlei Hinsicht. Einerseits hat sie die Hallodris aufwachsen gesehen und deren Weg bei uns begleitet, andererseits haben diese Mangfallkrokodile Anna-Maria gefleddert, gequält und zerzaust, also in ganz besonderer Weise eindrücklich geprägt. Und seither hat sie die Hallodris in ihr Herz geschlossen, ist Heddas beste Freundin und lässt keine Gelegenheit aus, wenn Hakuna, Hias, Nando oder wer auch immer auf einen Besuch vorbeikommt; Anna-Maria ist dann ganz vorne an der Hallodri-Front. Nun, zwei Jahre nach und mit den Hallodris, möchte sie schon einen frühen Anteil an den zu erwartenden Igittigitts und Ibidumms haben und einen ersten Blick auf die Winzlinge werfen. Also kommt sie mit nach Stephanskirchen, was im Prinzip auch Rosenheim ist. Nach dem Kultraschall wieder zuhause, notiert der rollende Assi schlappe 200 Kilometer für diese Odyssee.    

UltraschallUltraschallDoch das ist nicht wirklich von Bedeutung, wichtig ist, dass Fianna um 17:30 Uhr auf dem Rücken liegt und nicht wirklich wissen will, was der Doc auf seinem Fernseher sieht, weil sie das schon längst weiß, es tultra 2 kIgittigitt oder Ibidumm, Iphigenie oder Irrwisch?äglich spürt und sich damit herumquält. Wir aber bekommen endgültige Gewissheit, dass Fianna Leben im Bauch trägt. Wir wollen und müssen nicht wissen, wie viel sie von diesem Leben beherbergt, das werden wir dann im Februar erleben, wenn Fianna uns ihre Wundertüte öffnet. Anna-Maria aber bekommt kein Auge mehr von den kleinen schlagenden Herzen und den formlosen Zellhaufen in Fiannas Bauch. Ganz traurig ist sie, als wir eine leere Fruchthülle entdecken. Ob das Kleine gestorben sei, will sie vom Doc wissen. Nein, antwortet dieser, nicht gestorben, dort ist niemand eingezogen. Und das tröstet sogar uns.  

Wieder zurück, laden wir Anna-Maria und ihre Eltern noch auf eine bescheidene Feier zum Stammitaliener ein, weil alleine feiern und sich alleine freuen keinen Spaß macht. Natürlich ist Fianna der Star der Gesellschaft, nimmt souverän Glückwünsche entgegen, duldet Umarmungen, ermuntert alle zu Streicheleinheiten und lässt sich so ganz nebenbei noch den Rand einer halben Pizza schmecken. Von Futterverweigerung kann jetzt keine Rede mehr sein; die Zwerge brauchen Brennstoff, damit sie groß und stark werden. Im übrigen hat ja heute der Hl. Antonius das Sagen, und der meint es mit Fianna mindestens so gut wie früher mit den Schweinen.

 

Freitag, 18. Januar 2019, 30. Tag n. E.

Den Prognosen zufolge hätte uns schon wieder eine kleine Schneebelästigung heimsuchen sollen, aber das, was da gestern Abend hereinwehte, war wirklich nicht der Rede wert. Heute Morgen messen wir um die 0 °C, und dann folgt ein angenehm sonniger bis wolkiger Tag rund um die 4 °C.

Wenn an einem Tag sonst nichts los ist, darf man sich auch mal beruhigt zurücklehnen und sich freuen, dass damit auch nichts Beklagenswertes los ist. Heute ist einfach nur ein Tag der Ruhe nach der Gewissheit. Fianna frisst wieder, hat aber auch einen etwas übersäuerten Magen, was der Assi logischerweise der Portion Pizzarand von gestern Abend zuschreibt. Die Chefin geht auf solche Seitenhiebe nicht ein, sondern gibt ihr ein Löffelchen Heilerde ins Abendmahl. Wie unspektakulär sich Manches fast wie von selbst erledigt.

 

Samstag, 19. Januar 2019, 31. Tag n. E.

Frisch ist es morgens, -8 °C mit einer bemühten Sonne hinter Schleierwolken. Mittags folgen wir einer Einladung von Heddas Schwester Halina nach Hohenpeißenberg, weil es dort Anlass zu einer kleinen gemeinsamen Feier gibt. Der kommen wir gerne nach und freuen uns, Halina auch wieder einmal an die Herzen drücken zu dürfen. Das erledigt sie dann für uns, ganz wie es Hakuna vor Wochenfrist im Engadin gepflegt hatte. Und wie sie, kann auch Halina nicht aufhören, ihre Nase unter Mama Fiannas Rute zu stecken. Ob sie dieser Duft wohl an den Duft ihrer Brutstatt vor zwei Jahren erinnert? Damals war sie Teil und eingehüllt in diese Düfte, heute löst er möglicherweise ein diffuses Erinnerungsfeuerwerk bei ihr aus.

Abendlicht in HohenpeißenbergAbendlicht in HohenpeißenbergAm späten Nachmittag gibt es einen gemeinsamen Spaziergang unter einem blauen Pfaffenwinkler Himmel, hinein in das rosa-blaue Licht der müden Sonne. Und rings grüßen die Allgäuer und Werdenfelser Berge, klar und kraftvoll, und die Königin, die Zugspitze, trägt zur Feier des Tages ein kleines Korallendiadem.    

FiannaFianna völlig unbeschwertFianna, völlig unbeschwert ist mit ihren Töchtern voller Begeisterung im tiefen Schnee unterwegs, den sie zuhause schon längst wieder vermisst, wo sie nichts anderes mehr als gefrorene Wiesen und einige verharschte Schneereste findet. Da wirft sie sich begierig in die festgefrorene Schneedecke des Pfaffenwinkels, die im Licht der untergehenden Sonne wie eine Damastdecke gleißt. Wir befinden uns etwa auf halber Strecke der Tragzeit heute, und von beladener Schwere ist bei Fianna nichts zu spüren, obwohl sie doch schon etwas plumpere Formen annimmt.

 

Sonntag, 20. Januar 2019, 32. Tag n. E.

Weil es die Chefin schon frühmorgens zusammen mit Hedda aus dem Pfaffenwinkler Schlafgemach treibt, nutzt Fianna die Gelegenheit, zu einer ausgedehnten Schwangerschaftsmassage; fast eine Stunde lässt sie sich, auf dem Rücken liegend und wohlig grunzend, vom Assi den Bauch kraulen und die zukünftigen Zapfstellen geschmeidig massieren.  

Nach einem Morgenhimmel, der nahtlos an den Vortag anknüpft, ziehen schon bald Wolken auf und der Pfaffenwinkel trübt sich ein. Und das gibt Anlass, den Hundertjährigen zu befragen, denn: Sonnenschein um Fabian und Sebastian, lässt den Tieren das Futter ausgah'n. Das ist nun schon wieder so eine verdruckste Nummer; um heißt eben nicht an! Vor den Beiden hatten wir schon mal Sonne, zumindest in dieser Gegend, was manche Bauernstirne in Falten legen dürfte. Aber heute ist eben kein Sonnenschein, und so kann der Bauer, je nach Laune und Gemütslage, die Stirne runzeln oder entspannen. Wie er es halt besonders gerne hat, der Hundertjährige, der, wenn er nicht mehr als solche Prophezeiungen in petto hat, auch aus dem Fenster springen und verschwinden könnte. Aber er hat noch mehr im Köcher: An Fabian und Sebastian fängt der rechte Winter an. Da können wir uns ja noch auf etwas gefasst machen, wenn das, was wir in den vergangenen Wochen hatten, noch nicht der "rechte Winter" war. Allerdings sagen die Meteorologen für die nächsten Tage ordentlich kaltes Wetter vorher und meinen damit vermutlich genau diese Sebastinikälte, die für den Hundertjährigen der rechte Winter ist. Und dann beglückt er uns auch noch mit der Erkenntnis: An Fabian und Sebastian fängt Baum und Tag zu wachsen an. Was die Bäume angeht, traut sich der Chronist kein Urteil zu, da wäre etwa der Herr Wohlleben die geeignete Adresse. Aber was den Tag angeht, weiß es jeder besser, der zweimal mit seinem Hund an die frische Luft muss. Lieber Hundertjähriger, der Tag ist seit dem kürzesten Tag des Winters am 21. Dezember morgens um eine Viertelstunde und abends um eine halbe Stunde gewachsen (Bezug München)! Das ergeben, wer es ganz genau haben möchte, exakt 44 Minuten, und die darf man auch als Hundertjähriger mit Schlafkrankheit nicht verbaseln. Erfreulich ist aber, dass mit dem Erwachen des Tages und der Natur auch die Liebe wieder wächst, und so werden wir uns bald wieder auf das nervige Gurren auf unseren Dächern freuen dürfen, denn Um Fabian und Sebastian, da nimmt auch der Tauber die Taube an. Und der Haubentaucher, wenn nichts anderes zur Verfügung steht, sogar die Taucherhaube. Dann lasst es mal alle zusammen schön krachen beim Frühlingserwachen (oder vielleicht doch erst, wenn der rechte Winter wieder vorbei ist).

Am frühen Nachmittag sind wir wieder aus Hohenpeißenberg zurück. Über uns liegt eine zähe Hochnebeldecke, von der man nicht weiß, ob sie nun Ausdruck des schönen Wetters darüber ist (Sonnenschein an Sebastian...) oder doch eher zu den Wolken zu zählen wäre. Wir gehen jeder seinen Geschäften nach und zwischendurch auch an die frische Luft.

 

Montag, 21. Januar 2019, 33. Tag n. E.

Dieser Montag ist eigentlich ein Mondtag, ein Blutmondtag sogar, aber nicht im Mangfalltal. Zwar steht auch hier der Vollmond in den Morgenstunden im Kernschatten der Erde und wird auf diese Weise zum Blutmond, aber er verbirgt sich hierzulande schamhaft hinter einer fetten Hochnebeldecke. Dazu messen wir -2 °C. Das ist alles andere als ein "rechter Winter", aber angenehm ist es trotzdem nicht. Wir gehen an diesem verdorbenen Mondtag unseren Geschäften nach und warten auf die nächste totale Mondfinsternis in unseren Breiten am 16. Mai 2022.

Wer schon nichts Wesentliches zu berichten hat, sollte wenigstens seiner Pflicht nachkommen und die Statistik auf dem Laufenden halten:

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

 

Dienstag, 22. Januar 2019, 34. Tag n. E.

Überall ist es ordentlich kalt, nur das Mangfalltal liegt unter einer Hochnebeldecke bei Temperaturen um 0 °C. Um die Mittagszeit reißt der Nebel allerdings ein wenig auf und gibt der Sonne einen Fensterplatz, und sofort wird es dem Assi beim Aktivspaziergang mit Hedda mollig warm unter der Winterjacke.

Im Kalender ist heute Vinzenz für die Prognosen zuständig und macht nicht viel Aufhebens. Um es kurz zu sagen: Sonnenschein gut für den Wein, Wasserflut ist gar nicht gut. Damit kann man leben, weil wir davon ausgehen, dass über dem Hochnebel überall Sonnenschein herrscht. Und er legt sich noch weiter fest, wobei er sich allerdings sehr weit aus dem Fenster hängt, weiter jedenfalls als die Mittagssonne aus den Wolken: Wie zu Vinzenz das Wetter war, so wird`s sein das ganze Jahr. Das nehmen wir ihm einfach nicht ab, und wenn doch, dann bedienen wir uns der Mittagssonne und der über dem Nebel. Passt schon. Aber der Vinzenz hat noch eine Partnerin an diesem 22. Januar, nämlich die Dietlinde, und die hat nichts zu sagen und darf nichts prophezeien, weil schon der Apostel Paulus postulierte, dass das Weib in der Gemeinde zu schweigen habe. Wir aber meinen, dass es auch Dietlinde zusteht, Glücks- und Frohsinnspendendes zu artikulieren und legen ihr den gültigsten aller gültigen Kalendersprüche in den Mund: An Dietlind Regen, Nebel, Sonnenschein, das ganze Jahr wird Wetter sein. Wir finden Dietlinde hat recht.

Anna-Maria und ihre Freundinnen Anna-Maria und ihre Freundinnen Nachmittags fahren wir ins Unterallgäu, um den 80. Geburtstag eines lieben Freundes zu feiern, und weil das kleine, aber sehr feine Fest in einem kleinen, aber sehr feinen Heil- und Kurbad gefeiert wird, haben Hunde dort keinen Zutritt. Stundenlang im frostigen Auto ist ihnen auch nicht zuträglich, also geben wir sie in die bewährte Fürsorge von Anna-Maria und ihrer Mama. Da können wir getrost zum Feiern fahren. Kurz nach Mitternacht sind wir wieder zuhause und finden völlig entspannte und verschlafene Grazien vor (wohingegen wir auch noch zwei Stunden nach dem Festessen anstrengende Verdauungsarbeit leisten müssen). Danke, Anna-Maria. So können die Ibidumms und Igittigitts warm und entspannt heranreifen und nicht bei -10 °C im Allgäu zu Eiskonfekt erstarren.