Inkubation - die Brutzeit des I-Wurfs

Donnerstag, 24. Januar 2019, 36. Tag n. E.

Die Hochnebellage zieht sich hin. Wie gestern startet der Tag mit -3 °C unter einer dicken Hochnebeldecke, die sich allerdings mittags auflockert und mit 0 °C die beißend klamme Morgenfrische gut erträglich macht.

Außer der grauen Nebeldecke trübt noch etwas unsere Stimmung: Hedda. Sie hat ja schon ewig eine Talgdrüse an der linken Taille, und die entzündete und entleerte sich vorgestern nach innen; jedenfalls ist sie weg und bildet nun eine feste, subkutane Plattenstruktur. Da wartet man gerne mal ab, wie sich das entwickelt. Das Abwarten hat heute ein Ende, denn nun ist das alles aufgegangen oder von Hedda aufgebissen worden. Das Ergebnis ist eine ekelhafte Sauerei aus Blut, Eiter, Talg und wer weiß was noch. Und das bedeutet Tierarzt für den Assi. Jetzt. Möglichst presto. Und die geschmeidige Versorgung seines notleidenden Knies beim Physio hat zurückzustehen. Physio absagen, Tierarzttermin organisieren. Das ist Chefinnensache. Der Assi muss liefern. Und zwar Hedda beim Doc unseres Vertrauens ab, vormittags halb zehn. Viel ist da allerdings im Augenblick nicht zu machen, ein wenig ausspülen, einen Entzündungshemmer und ein Antibiotikum spritzen, was Hedda mit Schlangenbewegungen zu verhindern sucht, dabei aber jederzeit absolut freundlich und friedlich bleibt. Wer sich wie ein Aal winden kann, muss nicht wie ein Waran schnappen. Wir vermuten, dass Hedda noch gar nicht weiß, dass man Zähne auch anders benutzen kann, als sich die Kletten aus dem Fell knibbeln. Und das ist gut so. Nach der Behandlung muss noch eine Schleckabwehr angebracht werden, denn die Zwergin soll natürlich nicht dauernd Hedda mit neuen, schicken LeibchenHedda mit ihrem neuen, schicken Leibchenan der Wunde herumlutschen, die sicher auch infektiös ist. Die Königsfrage Plastikkragen oder Body beantwortet der Assi aus Erfahrung und ästhetischem Grundempfinden mit Body. Halskragen sind für jedes Tier eine Qual, weil es überall hängen bleibt und mit dem Ding nicht richtig schlafen kann, außerdem sieht Hedda dann aus wie Queen Elizabeth I. Nein, dann schon den schicken Body, und zwar in mintgrün. Passt wie Arsch auf Topf und macht eine Bombenfigur. Der Assi hat den Eindruck, dass Hedda durchaus ein wenig Gefallen an ihrem coolen Outfit findet.

Nachmittags besuchen Fianna und Hedda mit der Chefin Heddas Bruder Harpo in Bad Feilnbach. Von dort starten sie zu einer Expedition im tiefen oberbayerischen Outback, irgendwo in der Gegend um Hundham, wo sich Harpo vom Bairischen BluesHarpo und Heddasogar die Füchse verlaufen, und kämpfen sich zwei Stunden durch zum Teil noch knietiefen Schnee. Blöderweise muss Harpo auf den Anblick seiner coolen, mintgrünen Schwester verzichten, weil die Chefin ihr das Leibchen abnimmt, denn beim Rennen und Toben kommt kein Hund auf die Idee, sich Wunden zu lecken, dafür kommt aber gesunde, frische Luft ans kranke Fleisch. Als sie wieder zuhause ankommen, machen sie alle zusammen einen ziemlich ausgelasteten Eindruck. Genug für heute.

Nein, nicht ganz genug, denn erstens beginnt es gegen Abend feinsten trockenen Schnee zu schneien, und die Chefin kränkelt irgendwie influenziös. Das passt, wie Heddas Leibchen, auch wie Arsch auf Topf, weil die Chefin morgen einen unaufschiebbaren Termin in Kassel hat: Züchterschulung. Wie sich die Dinge doch immer fügen.

 

Freitag, 25. Januar 2019, 37. Tag n. E.

Die Chefin kommt zu der Erkenntnis, dass Fiannas Milchleisten nun zu erblühen beginnen, was der Assi ihr ja schon seit Tagen nahelegte. Und im übrigen nimmt er für sich in Anspruch, dass seine morgendliche Zapfstellenmassage in Hohenpeißenberg nicht wenig dazu beigetragen habe. Aber mit dem Segen der Chefin bekommt die Reife der Milchleisten nun offiziellen Status.

Morgens messen wir -3 °C bei leichtem Schneefall. Und der nimmt weiter zu, mit zartem Flockenspiel, das aber keine nennenswerten Spuren hinterlässt. Nachmittags zeigt sich dann sogar die Sonne, was, bezüglich der Jahresprognose, Stirnrunzeln hervorruft. St. Paulus kalt mit Sonnenschein, wird das Jahr wohl fruchtbar sein. Aber: Wenn's St. Pauli regnet oder schneit, folget eine teure Zeit. Worauf müssen wir uns nun einstellen? Ob die morgendliche Kälte und der nachmittägliche Sonnenschein die Oberhand behalten oder doch der vormittägliche Schnee? Andererseits: Teuer ist es immer und überall, und dazu wird es auch immer und überall teurer, weshalb wir uns womöglich um diesen Kassandraruf nicht allzu sehr kümmern müssen. Dafür nehmen wir uns dankbar die folgende Schlagzeile zu Herzen: An Pauli Bekehr ist der Winter halb hin und halb her. Jou, so wird das wohl sein.

Nachmittags reist die Chefin mit der Bahn zur Züchterschulung nach Kassel ab, wo sie eine einigermaßen staatstragende Rolle einnehmen und die Teilnehmer in die Gründe und Abgründe der Genetik einweihen darf. Den akuten Influenza-Angriff hat sie größtenteils abgewehrt, sodass man ihr dort keinen notärztlichen Bereitschaftsdienst zur Seite stellen muss. Dass sie aber überhaupt rechtzeitig in Kassel eintreffen kann, hat sie der Nebentätigkeit des Assi als Chauffeur zu verdanken, der sie in eine zuverlässige Startposition bringt, denn mit den Zubringerdiensten von BOB oder Meridian wäre sie wahrscheinlich erst weit nach Mitternacht in Kassel angekommen; es hat ja drei Flocken geschneit heute, da wird der Betrieb eingestellt. Wegen Schleudergefahr, wie man annehmen darf.

Nun ist der Assi mit seinen beiden Damen allein zuhaus. Bezüglich Fianna stellt das keine Herausforderung dar, aber Hedda benötigt medizinische Dienstleistungen, die in dem Auftrag kulminieren, ihr das Talgdrüsen-Abszess mehrmals täglich auszudrücken, damit der Schmodder den Weg nach draußen findet. Pickel, Mitesser und Vergleichbares ausdrücken ist jedoch genetisch bei Frauen verankert, Männer drücken nicht, jedenfalls keine Mitesser, Pickel oder Abszesse. Aber zum Wohle seiner Nachwuchshoffnung  überwindet er sich und folgt den Anweisungen, wie das Gesetz es befahl. Er überwindet sich und Hedda windet sich, lässt aber die miese Tortur nahezu klaglos über sich ergehen. Sie wächst in seinen Augen zu einer Riesin ohne Furcht und Tadel. Knapp 27 Kilo bringt die Kleine auf die Waage, aber davon ist jedes Gramm aus Stahl und Hartmetall gefertigt. Kenner wissen, dass gerade solche Materialien besonderer Pflege und Fürsorge bedürfen, und so salbt er seine Hedda, packt sie in Watte und anschließend wieder in ihren mintgrünen Body. Sie hat ihm schon längst wieder alles verziehen und ist bester Dinge. Beim Spaziergang wird ihr das  Leibchen am Parkplatz abgenommen, damit Frischluft an die Wunde kommt und weil sie draußen so ausgiebig mit Rennen, Fangen und Stöbern beschäftigt ist, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet, an ihrer waidwunden Stelle herumzulecken. Vor der Rückfahrt wird sie dann wieder eingekleidet, weil sich nun, auf der Fahrt, wieder gute Gelegenheit bietet, sich selbst zu therapieren. Das alle erduldet sie klaglos und verteilt dafür sogar noch Küsschen.

Abends kuscheln wir uns dann ein in ein trautes Heim und Glück zu Drei'n. Und nun entscheidet sich der himmlische Landmann doch für ein fruchtbares Jahr und lässt die Temperatur nachts auf glasklare -6 °C sinken. Schöne Aussichten.

 

Samstag, 26. Januar 2019, 38. Tag n. E.

Morgens bläst der Wettergeist bei -2,5 °C feinsten, trockenen Schnee durchs Mangfalltal. Aber schon um 9 Uhr steigt die Temperatur und der Schnee wird zu Schneeregen, und um 11 Uhr haben wir bei 3 °C nur noch Regen und, wie schon den ganzen Morgen, strammen Westwind. Für den Assi bedeutet das vier sehr unterschiedliche und mehr oder minder angenehme Hundespaziergänge: einmal mit Fianna, einmal mit Hedda, einmal mit Fianna und, wer hätte es gedacht, einmal mit Hedda. Zum Schluss addiert sich das, zur Freude seines Leibarztes, auf fast zwölf Kilometer.

Unerfreulich ist nur der mit den höheren Temperaturen einhergehende Matsch und mit ihm die Frage: Wie halten wir es mit Heddas Leibchen, das wir zu Beginn des Spaziergangs am Parkplatz ablegen? Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens, sie muss es total verdreckt wieder anziehen, zweitens, wir rubbeln die Dame vorher ab, drittens wir lassen es, reinigen sie zuhause und kleiden sie dann wieder ein, allerdings mit dem Risiko, dass sie die fünf Minuten Fahrt nutzt, um sich um ihre Wunde verdient zu machen. So lange die Auflistung ist, so kurz ist die Entscheidung: Eins entfällt aus naheliegenden Gründen, weil das Ding dann umgehend in die Wäsche müsste und Hedda länger als eine Fahrt ohne Leibchen wäre. Zwei entfällt, weil der Assi ein Troll ist, und kein Handtuch im Auto mitführt. Also drei: Risiko. Aber Hedda ist doch ziemlich brav und vergeht sich nur sehr geringfügig an ihrer Wunde. Zuhause bekommt sie, frisch gereinigt und gepflegt, ihr Leibchen wieder übergezogen, und, weil die Wunde ziemlich sabbert und das Leibchen versudelt, steckt ihr der Assi noch ein Mulltuch drunter. Letzt kann es kaum noch besser sein. Das Glück über die bestechende Idee wandelt sich in Erstaunen, Hochachtung und schelmische Freude über seinen Zwerg, als er das Mulltuch plötzlich im Wohnzimmer liegen, Hedda aber völlig eingekleidet sieht. Hat die Zwergin doch tatsächlich ihre nixnutzige Nase in den Ausschnitt des linken Hinterbeins gesteckt und das Tuch rausgezogen! Für so  viel  Raffinesse ist ein bisschen Hochachtung sicher nicht die angemessene Würdigung. Sie muss in den Arm; wo gibt's denn sowas?

Abends bekommt der Nebenberufspfleger fachliche Unterstützung von Karin, der langjährigen Tierarzt-Assistentin (siehste: auch ein Assi, und sogar einer mit höchster Qualifikation; da soll mal einer am Assi rumnörgeln), Freundin des Hauses und erfahrene und begehrte Welpenknuddlerin. Sie hat den Vorteil, dass sie eine Frau ist und Hautunreinheiten aller Art mit Lustgewinn ausdrücken kann. Und wir kennen niemand, der mit einer solchen Akribie und Ausdauer alles ausdrückt und ausstreicht, das nicht innert Sekunden im Leibesinneren verschwunden ist. Bei Hedda ist sie nur teilweise erfolgreich, weil die Talgdrüse etwas über dem eigentlichen Abszess liegt, und sie somit gar nicht richtig an sie rankommt. Aber ein bisschen kommt raus, und Hedda ist wieder ein Wunder an Duldsamkeit. Sogar das ätzende Lotagen, das sie zum Austrocknen der Drüse unter die Haut gespritzt bekommt, trägt sie mit angemessener Fassung. Dieser Hund hat einfach ein unerschütterliches Vertrauen in die Menschen. Selbst als sie uns mal kurz auskommt und wir sie wieder zu uns rufen, büxt sie nicht aus, sondern kommt herbei, beißt die Zähne zusammen und lässt sich weiter bearbeiten. Wenn Härte und Freundlichkeit einen Namen haben, dann ist es. Hedda.

Und was ist eigentlich mit Fianna, der diese Aufzeichnungen ursprünglich gewidmet sind, die aber derzeit kaum Erwähnung findet? Fianna ist da, einfach nur da, ruht in sich und gelegentlich, wenn es ihr danach ist, zu Füßen ihres Assis, brütet Kinder aus und arbeitet an ihrem Körper. Fianna wickelt ihren Zustand souverän und routiniert ab. Wenn wir Heddas Flankenschaden nicht häddan, wäre tatsächlich nicht viel zu berichten aus der Brutstätte des Bairischen Blues.

 

Sonntag, 27. Januar 2019, 39. Tag n. E.

MorgenstimmungMorgenstimmungDer Sonntag kommt mit einem aufgeräumt freundlichen Morgen daher und beglückt die Spaziergänger mit Sonne, Wolken, Nebelschwaden und einem altrosa Quarzlicht.

 Der Tag selbst bringt dann Ähnliches wie gestern: vier Spaziergänge, diesmal mit über 13 Kilometern und einem Handtuch im Auto, um Hedda gleich grundzureinigen. Karin kommt auch wieder vorbei, macht sich um Hedda verdient, und bereichert den Ideen-Pool des Blues um: eine Damenbinde! Das wäre die optimale Alternative unter dem Body, anstatt des Mulltuchs, das immer verrutscht und entsorgt wird, weil die nicht verrutschen könne. Nun weiß der Assi, warum Frauen als Krankenschwestern Dinge wissen, von denen Männer keine Ahnung haben. Nachdem Karin wieder gegangen ist, sucht er nach einem entsprechenden Utensil, findet tatsächlich eine Slipeinlage und bringt sie unter Heddas Leibchen an, so dass sich die klebrige Seite am Stoff festkrallen muss (andersrum wäre es auch therapeutisch kaum vertretbar). Zwei Stunden später findet er die zerknüllte Slipeinlage im Flur. Hedda braucht so etwas nicht. Also weg damit. Dabei bleibt es dann auch.  

Abends kommt die Chefin wieder zurück, und wir beschließen, die Wunde, wenn man schon an die marodierende Talgdrüse selbst nicht richtig drankommt, jetzt verheilen zu lassen und sie später in Angriff zu nehmen. Spülungen mit Lotagen oder Wasserstoff verfehlen im Wesentlichen ihre Wirkung und beeinträchtigen dazu noch die Wundheilung. Also eins nach dem anderen. Hedda geht es ja blendend und ist alles andere als kränkelnd.

 

Montag, 28. Januar 2019, 40. Tag n. E.

Der Tag beginnt mit 0 °C und viel Wind, dann mischen sich Sonne und weiße Wolken darunter bei bis zu 6 °C, was das Geläuf wieder beträchtlich aufmatscht, und nachts kommt der Schnee in dicken Flocken waagrecht dahergeflogen. Sonst verläuft er unter Alltagsgeschäften im Sande.

Fianna auf dem Weg zum VollformatFianna auf dem Weg zum VollformatDoch eine jener Alltagsgeschäfte ist Fiannas leibeigene Statistik: 

Messtag

Gewicht / kg

vorn

Mitte

hinten

29.12.2018

30

75

71

62

08.01.2019

29

73

73

62

15.01.2019

29,3

75

74

66

21.01.2019

29,9

74

74

68

28.01.2019

31,6

75

76

72

Jetzt lässt sie anscheinend die Pferde aus dem Stall...