J-Wurf

Eigentlich sollte Hedda Anfang Februar 2021 läufig werden, so sah es jedenfalls der von Gott und Züchter gewollte Plan vor. Und tatsächlich sah alles danach aus, dass sie sich an unseren Masterplan halten wollte, was bedeuten würde, dass ihre nächste Läufigkeit etwa Anfang August zu erwarten wäre. Da wollten wir sie dann mit einem adretten Jüngling verkuppeln. Der weitere Zeitplan hieß dann, Geburt etwa Mitte Oktober und Welpenabgabe Mitte Dezember. Und anschließend wollen wir dann sechs Monate mit dem Wohnmobil Europa bereisen (Sabbatical 2022). Die Fixierung auf den Herbsttermin ergab sich daraus, dass die Chefin Ende August/Anfang September ein Staatsexamen mit erheblichem Lernaufwand vor der Brust hatte, sodass der Frühjahrstermin keine gute Idee gewesen wäre.

Hedda zeigte tatsächlich Anzeichen einer Läufigkeit, die sich vor allem in einer besonderen Begeisterung für alle männlichen Nachbarn manifestierte, denen sie ihren lotterhaften Charakter mitsamt ihrem Herz vor die Füße warf, was diese wiederum mit fulminanten Fruchtbarkeitstänzen beantworteten. Nur eines zeigte sie nicht: Blut. Kein Tropfen! Da uns Hedda schon einmal mit einer weißen Läufigkeit überrascht hatte, nahmen wir an, dass sie von unseren Plänen Wind bekommen hatte, vielleicht von ihrer mit allen Wassern gewaschenen Mutter Fianna zugeflüstert, und uns ein Schnippchen schlagen wollte. Eine weiße Läufigkeit ist eine normale Läufigkeit, und die Hündin ist auch empfangsbereit, nur ist die Planung des Decktags ohne Blut keine leichte Sache. Uns war es egal, wir wollten sie ja erst im August zum Altar führen, obwohl wir schon ein wenig verunsichert waren.

Doch am 11. März, einem Donnerstag, entdecken wir winzige, bereits Blutstropfenangetrocknete Blutstropfen auf dem Treppenhausabsatz der ersten Etage. Sofort bewaffnet sich die Fortpflanzungsbeauftragte des Blues mit einem Papiertaschentuch und schreitet bei Hedda zur Heckinspektion. Tatsächlich: Blut. Kein Zweifel. Hedda hatte offenbar angesichts der bis zu -20 °C im Februar ihren Zyklus bis auf weiteres gestoppt, um zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln würden. Hündinnen machen das gelegentlich so, auch andere Arten passen ihr Fortpflanzungsverhalten oft den äußeren Bedingungen an; schließlich muss man die Plagen später durchbringen. Dabei hilft eine verantwortungsvolle Planung. Anscheinend ist Hedda nun zum Entschluss gekommen, dass das Gröbste vorüber ist und eine Familienplanung seriös in Angriff genommen werden könne.

Parallel dazu erfährt die Chefin des Blues und hauptberufliche Gymnasiallehrerin, dass sich der avisierte Prüfungstermin Ende August auf den feingeistigen Untiefen des Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus gestrandet ist und mit ihm die aufwändige und wochenlange Prüfungsvorbereitung. Und das bringt sie auf eine Idee, die sie am 12. März auf dem Frühstückstisch ausbreitet: „Was hältst du davon, wenn wir sie jetzt decken lassen?“

„??“

„Prüfung fällt aus. Zeit hätten wir.“

„??“

„Osterreise im Womo fällt sowieso ziemlich sicher dem Virus zum Opfer.“

"Und Heddas IGP1?"

"Keine Aussicht auf Öffnung des Hundeplatzes in näherer Zukunft und damit auch keine Prüfung Anfang Mai."

„Und Pfingsten?“

„Fällt flach. Dafür gibt es eine Sommerreise. Vielleicht. Und außerdem hätten wir mehr Zeit, unser Sabbatical vorzubereiten, was wir sonst während des Wurfes unterbringen müssten.“

„Ok. Passt. Machen wir.“ Dem Chronisten zieht schon der betörende Welpengeruch durch die Nase, Widerstand zwecklos.

Eine Nachfrage im Sekretariat unseres Bräutigams Lando, ob es eventuell Schwierigkeiten mit dem geänderten Terminplan gäbe, wird etwa so beantwortet: „Wieso? Welche Pläne sollte man in diesen Zeiten denn schon haben?“ Corona kann auch zu was nütze sein. Nun, denn…

 

Montag, 15. März 2021

Wir haben um 11 Uhr einen Termin bei unserem in neun Würfen bewährten Fortpflanzungsorakel Dr. Dusi-Färber in Baldham. Heute steht ein Scheidenabstrich zur Klärung von Heddas Bakterienbesiedelung an, um eventuell mit Antibiotika gegen unerwünschte und gefährliche Bakterien vorgehen zu können. Schon mancher Wurf ist deretwegen nicht geworfen worden. Außerdem nehmen wir noch ein Wurmmittel für Hedda und Fianna mit, denn auch Würmer haben nichts im Brutkasten und Wochenbett zu suchen. Den nächsten Check vereinbaren wir für Freitag, wo dann die Zytologie und ein Progesterontest auf dem Plan stehen.

 

Mittwoch, 17. März 2021

Es lSchneelage am17. Märziegt Schnee vor der Tür. Richtig Schnee, über fünf Zentimeter. Der wird sich sicher nicht lange halten, aber hoffentlich kommt jetzt Hedda nicht auf die Idee, ihr Produktion ein zweites Mal abzublasen. Immerhin haben wir gestern bereits einen neuen Pack Welpengitter für den Garten bestellt, um die maroden hölzernen Teile unseres Kinderspielplatzes auszusortieren. Das kann sie uns jetzt bitte nicht antun…

 

Freitag, 19. März 2021

13 Uhr: Temin beim Fortpflanzungsorakel. Heute steht ein Scheidenabstrich für die Zytologie auf dem Programm, womit man die Zellveränderung begutachten und den Fortschritt der Läufigkeit bewerten kann. Außerdem muss Hedda noch eine Vaginoskopie mit einem Spekulum über sich ergehen lassen, wobei die Fachfrau die Fältelung der Scheidenwand begutachtet, die sich typisch mit dem Fortschritt des Zyklus entwickelt. Seit unserem letzten Orakelbesuch hat dieses aufgerüstet und einen Monitor in der Praxis, auf dem man Heddas Innenleben mitbetrachten und zumindest schlau und wissend blicken kann, wenn auch der Beim TierarztErkenntnisgewinn überschaubar ist. Und zum Schluss werden Hedda noch ein paar Tropfen Blut abgenommen, um das Progesteron zu messen. Es wäre übertrieben zu behaupten, Hedda würde diese Eingriffe in ihr Sanctum mit Vergnügen begleiten, aber sie steht auf dem Tisch, ungerührt und reglos, lässt alles über sich ergehen, jammert nicht, quietscht nicht, versucht auch nicht, ihr Hinterteil aus der Schussbahn zu bringen: Sie ist einfach ein braves Mädchen und tut, als ob sie das alles nichts anginge. Ihre drei Vorgängerinnen haben in dieser Praxis jeweils eine andere, sehr konsolidierte Meinung gehabt: Sie fanden das äußerst anmaßend und versuchten sich, dieser Zugriffen zu erwehren, nein, nicht mit dem vorderen Waffenarsenal, sondern mit höchst flexiblen Leibesübungen, die das Begleitpersonal beträchtlich ins Schwitzen brachten. Heute sind wir versucht, dieses Praxis-Yoga als eine Art Vorläufer der „Me Too-Bewegung“ zu begreifen. Fianna verweigerte nach den Maßnahmen sogar standhaft jegliche Leckerchengabe: nix da! Käuflich wollte sie sich nicht verkaufen, schon gar nicht nach diesen Untergriffigkeiten. Ganz anders Hedda. Pragmatisch wie sie ist, erträgt sie, was sie eh nicht verhindern kann und nimmt dafür mit, was sie kriegen kann. Futter geht bei Hedda immer. Bestechlichkeit hat in ihrer Welt keinen Modergeruch, jedenfalls nicht, solange sie die Begünstigte ist. Nach dem Abgang vom Behandlungstisch und der Leckerei gibt sie jedoch Gas und ist schneller aus der Praxis als der Arm ihrer Leinenführerin lang ist. Und tschüss.

Um 16 Uhr erreicht uns die Info aus der Praxis, dass der Progesteronwert bei 2,19 steht. Zwischen 4 und 8, im Mittel also etwa bei 6, findet normalerweise der Eisprung (Ovulation) statt. Dieser Tag und die folgenden zwei Tage sind ideale Decktage. Da wir nicht wissen, ob Hedda zu jenen Hündinnen gehört, die der Natur ihren Lauf lassen oder eher zu denen, die richtig Gas geben, vereinbaren wir einen weiteren Termin morgen Mittag. Dann wird man sehen, wohin die Reise geht, vor allem: wann.

Früher haben wir zur Absicherung des veterinärmedizinischen Orakelspruchs gerne efranz 20210320 061059768 iOS 1 250inen Bio-Progesterontest am lebenden Rüden hinzugezogen, der gestaltet sich aber aus zwei Gründen bei Hedda etwas schwer. Erstens hat unser langjähriger Nachbar und Cheftester Blacky, auf den absolut Verlass war, seine irdische Karriere nach rund 15 Lebensjahren beendet und steht somit nicht mehr zur Verfügung. Die andere Sache ist Heddas ambivalentes Verhalten gegenüber Rüden: Gute Bekannte und Freunde jagt sie vom Hof und Gelegenheitsbekanntschaften macht sie den Hof und sich blank. Woran soll man sich da halten? Den Chronisten erinnert diese fluktuative Einstellung an das stilbildende Motto seiner Jugend: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Aber was weiß unser Jungfräulein denn von diesen Dingen?   

Das Wohnmobil, unser treuer, aber gelegentlich eigenwilliger Franz II, ist schon aus seinem Winterlager geholt worden, bekam auch zwei frische Gasflaschen spendiert und wartet gelassen ab, wann er zur Tat gerufen wird. Nur eines findet er sehr unangemessen: Es schneit und schneit… da hätte er lieber noch ein paar Tage im Lager abgewettert. Wir auch. Aber bei dieser Reise ist Hedda die Reiseleiterin.

 

Samstag, 20. März 2021

Frühlingsanfang ganz ohne Frühlingsgefühle!

Es schneit, was Frau Holle in den Betten hat, und das Virus macht sich FrühlingsanfangFrühlingsanfangüber uns lustig: Es geht kräftig aufwärts, was man von den Temperaturen nicht behaupten kann. Um 7 Uhr hat es -2,5 °C. Immerhin wird sich heute noch erweisen, wie sehr es mit Heddas Hormonhaushalt aufwärts geht, ob sie sich am Frühling oder am Virus orientiert. Wir bestücken den Franz schon mit allem, was man für eine drei bis viertägige Fahrt braucht und heizen ihm ein.

Mittags ist die Chefin mit Hedda wieder beim Orakel, wo es diesmal nur eine Blutentnahme für den Progesteronwert gibt. Um 15 Uhr ist dann klar: Hedda überlässt die Exponentialfunktion dem Virus und bleibt gelassen, aber zielstrebig. Ihr Progesteronwert liegt heute bei 2,98. Wir entspannen uns, fahren Franzens Heizung herunter und planen unsere Reise für Montagmorgen.

Heute reagiert die Aspirantin aber erstmals deutlich auf die rückwärtige Annäherung ihrer Mutter, indem sie die Rute wie eine Sichel zur Seite legt. Sie ist auf einem fruchtbaren Weg.

 

Sonntag, 21. März 2021

HeddaHeddaNachts war es klar, morgens ist es trübgrau bei -2 °C, aber immerhin fiel in dieser Nacht seit Tagen kein Schnee mehr. Fianna und Hedda ist es beim Morgenspaziergang sowieso egal: Schnee oder kein Schnee, Hauptsache kalt. Das wärmt ihre Herzen. Offenbar tun das bei Hedda nun vermehrt auch die Rüden, jedenfalls ist sie unentwegt beschäftigt, nach willfährigen Burschen zu spähen, die sich aber zu dieser frostigfrühen Tageszeit noch zuhause warme Gedanken machen.

Und noch etwas setzt jetzt ein: Hedda jumst und jammert unentwegt, um in den Garten zu dürfen.

Diese Dauerbejammerung unseres Haushalts hat uns schon immer einige Nerven geraubt, signalisiert uns aber, dass jetzt die Hormone die Kontrolle übernommen haben und Hedda auf geradem Weg in die Unmoral ist. Morgen kann sie beweisen, ob sie es ernst meint oder sich wichtigmachen und uns nur auf die Nerven gehen will.

 

Montag, 22. März 2021

Um 7:15 Uhr fahren wir los; es ist bedeckt und hat 1 °C. Auch wenn eine positive Betrachtung Coronas wie teuflischer Humor klingt, wollen wir nicht verschweigen, dass eine Fahrt am Montagmorgen vom oberbayerischen Mangfalltal bis an die Stadtgrenze von Göttingen unter normalen Bedingungen kaum ohne Staus und Behinderungen zu bewältigen ist. Heute Morgen rollen wir jedoch ungestört in den Norden, nicht einmal die Münchner Umgehung A 99 hält uns auf, eigentlich eine Unmöglichkeit von Montag 0 Uhr bis Sonntag 24 Uhr, keine der zahlreichen Baustellen auf Deutschlands Autobahnen bringt den Verkehr zum Stehen, keine Lkw-Boliden bremsen den Verkehr in den Kasseler Bergen aus, alles flutscht gemütlich dahin. Wenn das ein Omen ist, dann kommt unser J-Wurf ganz fix aufs Band. Immerhin kommen wir gelassen voran und stellen unseren Franz um 13:40 Uhr nach 522 km vor Landos Reich in Niemetal ab. Es ist wolkig mit großen blauen Himmelsflecken bei 7 °C.

Und dannLiebestanz kann es auch gLiebestanzleich losgehen, es gibt ja keinen Grund, die Hochzeiter unnötig hinzuhalten. Es ist 14 Uhr 51° nördlicher Breite, und Landos Hormone führen ihn ohne Umwege zu seiner duftenden Rose. Die beiden tanzen sich in Landos Garten erst einmal warm. Für einen Ersttäter ist Heddas Bräutigam ein ziemlich fixer Bursche, der offenbar genau weiß, wo der Hammer zu hängen hat. Nur bei der perfekten Umsetzung hat er noch Justierungsbedarf. Jedenfalls Liebestanzversucht er kaum, wie die meisten JLiebestanzungmänner, die Dame, nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum, von allen Seiten und ringsum zu besteigen, sondern hat sehr schnell den richtigen Kompass und Zugang. Als wir nach ungefähr 15 Minuten die erste Sitzung abbrechen, hatte er Hedda schon dreimal geentert, aber den Enterhaken nicht fixieren können. Macht nichts; das sieht schon sehr vielversprechend aus, und die beiden haben eine Pause verdient. Auch wir ziehen uns sehr zuversichtlich auf eine Kaffeepause zurück.

DeckaktUm 15:45 Uhr starten wir Deckaktdie zweite Runde, und die Versprochenen machen nahtlos dort weiter, wo sie zuvor unterbrochen wurden. Das hat zur Folge, dass Lando um 15:55 Uhr den J-Wurf Wirklichkeit werden lässt: Die beiden Täubchen hängen. Jetzatle, tät der Schwabe sagen, was sich aber auch als Name hören lassen könnte … Jetzatle … das gilt es, im Auge zu behalten. Was uns beglückt, macht Hedda zum Mitglied der „Me-too-Community; sie schreit und kreischt wie vermutlich seinerzeit Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen. Fast vier Minuten schreit sie die gesamte Nachbarschaft zusammen, doch Lando bleibt ungerührt und gibt stumm und unverdrossen sein Bestes. Dann schickt sich auch Hedda ins Unvermeidliche und konzentriert sich aufs Wesentliche. 15 Minuten zieht sich die Hängepartie. Dann ist es vollbracht: Hedda ist gedeckt, der J-Wurf ist Realität – und vom verbleibenden Restrisiko will jetzt wirklich niemand etwas wissen.

HochzeitsforoEs grüßen als Vermählte: Lando und Hedda

Nun ist Zeit zu plaudern und gemächlich in den Abend mit Grillwürstchen zu gleiten. Lando ist stolz wie ein Spanier und holt sich reihum Huldigungen ab. Hat er sich verdient! Ein großes Verdienst am geschmeidigen Gelingen hat Thomas Homuth, selbst erfahrener Züchter und Deckrüdenbesitzer, der aus alter Verbundenheit aus der nahen Nachbarschaft herbeigeeilt kam, um dem Werden des J-Wurfs beizuwohnen, sich aber nicht mit der Zuschauerrolle begnügte, sondern als Landos Stabilisator bei der Hängepartie ein wahrhaft goldenes Händchen bewies. Für unerfahrene Züchter und Deckrüdenbesitzer ist das immer eine große Hilfe. Und auch wir freuen uns darüber und sagen Thomas ein ganz herzliches Dankeschön. Wer so lange in der Hovawartwelt herumreist, gewinnt auch Freunde, die dann zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Vergelt’s Gott. Die beiden Täubchen hätten es auch irgendwie alleine geschafft, aber vermutlich nicht ganz so geschmeidig. Sie werden ihm bestimmt auch sehr dankbar sein, dass sie sich nicht mehr als nötig verausgaben mussten.

Die Goldene Ananas des Tages verdient sich wieder einmal unser Franz. Als wir zurückkommen und den Mädels Futter bereiten wollen, hat er kein Wasser mehr für uns. Leer! Hundert Liter Wasser wie von Geisterhand verschwunden. Bayerisches Alpenwasser der doch überhaupt nicht notleidenden niedersächsischen Landwirtschaft gespendet. Futsch! Zum Glück traut der Chronist seinem Franz nach all den Jahren nicht, aber alles zu und hat vorsorglich einen 20-l-Kanister Wasser eingelagert. Franz II ist für den Antagonismus des Lebens zuständig: Keine Freude ohne Leid. Der Dichter hat es uns ja schon ins Stammbuch geschrieben: „Noch keinen sah ich glücklich enden, auf den mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streu’n“. Für Franz war unser Glück heute offenbar ein bisschen zu ausgelassen. Da musste er gegen den Übermut steuernd eingreifen. Dem Chronisten fällt dazu nur der Schmerzensruf Kaiser Augustus‘ ein: „Franziskus, Franziskus, gib mir meine Gallonen wieder!“

 

Dienstag, 23. März 2021

Die Nacht am Sportplatz vor Landos ReichSportplatz Niemetal ist ruhig und lang. Wir grübeln über Franzens Defekt. Der automatische Frostschutz kann es nicht gewesen sein, der Franz zu so einer Panikreaktion veranlassen konnte. Von Frost konnte und kann keine Rede sein. Aus irgendwelchen Gründen hat Franz das Sicherungsventil des Warmwasserboilers umgelegt und alles Wasser aus dem Tank gelutscht. Wir holen uns bei Lando ein paar Kanister und flößen es Franz ein; mal sehen, was er davon hält und ob er es bei sich behält. Wir haben heute Zeit und nichts vor. Es ist der Tag nach dem Sturm und vor dem Nachbeben.

Aber heute ist auch der Tag des Welpen (National Puppy Day), den man seit 2006 in den USA feiert. Sachen gibts... Sachen, die uns sehr verbundene Freunde immerhin zum Anlass nehmen, die Frage zu stellen, warum wir ausgerechnet an diesem Jubeltag nicht weiter am J-Wurf arbeiten und ihn ungenutzt verstreichen lassen wollen. Damit dieser weltbewegende Anlass nicht ohne angemessene Berücksichtigung verstreicht, nehmen wir dazu gerne Stellung. Erstens reicht ein einziger Tag meist nicht aus, um alles zu würdigen, was ihm ans Revers geheftet wird: Heute müssten wir beispielsweise auch noch dem Welttag der Meteorologie und dem Tag der Chia-Samen die Ehre erweisen. Wir sind aber schon mit der Überwachung von Franzens Inkontinenz auseichend beschäftigt. Zweitens ist die Initiatorin dieses Gedenktages, Coleen Paige, eine Art berufsmäßige Gründerin von Gedenktagen, welche – siehe oben – die Flut der Feiertage ins kaum noch Gedenkbare anwachsen lassen. Dazu gehört der National Dress Up Your Pet Day, der daran erinnern soll, sein Haustier anzuziehen. Außerdem ist sie noch verantwortlich für den National Mutt Day, den Tag des Mischlingshundes. Wenn sie so weitermacht, wird es bald keinen Tag mehr geben, der nicht ein Coleen-Paige-Gedenktag ist. Von irgendetwas muss man halt leben, gell? Aber halt nicht auf unsere Kosten. Drittens soll der Puppy Day auffordern, die Tier- und Zoohandlungen in den Vereinigten Staaten welpenfrei zu machen, was in Deutschland längst Realität und damit Schnee von übervorgestern ist. Und nicht zuletzt soll mit diese Gedenktag gegen den illegalen Massenzuchtbetrieb vorgegangen werden. Das muss man natürlich befürworten, besser aber, man tut etwas dagegen, zum Beispiel eine legale Hobbyzucht betreiben. Damit sind wir aktuell beschäftigt, nur eben ausgerechnet heute nicht. Liebe Coleen, du hättest dir eben besser den 22. oder 24. März aussuchen sollen. Dann hätten wir vielleicht sogar einer Hündin den Namen Joleen gespendet.

Am späten Nachmittag zeigen uns Landos Chauffeure stolz ihre Heimat, unDer WesersteinDer Wesersteind so werden wir in nur eineinhalb Stunden große Anhänger des sogenannten Weserdurchbruchstals mit seinem Aushängeschild Hann. Münden (Hannoversch Münden), wo die Weser zwar nirgends durchbricht, aber durch den Zusammenfluss von Fulda und Werra ihren Anfang nimmt. Diesen Zusammenfluss mit dem Weserstein nehmen wir natürlich auch in Augenschein und sind völlig begeistert von der mittelalterlichen Fachwerkstadt, die zu großen Teilen erhalten ist. Hann. Münden ist ein echter Eye-Catcher, und wieder einmal fragen wir uns, warum man erst eine Bettgeschichte initiieren muss, um auf echte Perlen zu stoßen. Dazu trägt auch eine sehr abwechslungsreiche und kupierte Landschaft bei, die, wenn sie sich ihres winterlichen Trauerkleid ganz entledigt hat, einen zusätzlichen Reiz verspricht. Mensch, Leute, macht doch mehr Werbung für dieses Land! Es ist, trotz der windenergetischen Verspargelung, jedes lobende Wort wert.

Abends verbringen wir wieder in Landos guter Stube, simpeln Fach und plaudern uns unsere Zufriedenheit und Vorfreude von der Seele.

Als wir zu Franz zurückkehren, hat er sein Wasser bei sich behalten und hält es auch die ganze Nacht über. Um 22 Uhr ist es klar bei 5 °C.    

 

Mittwoch, 24. März 2021

Um 7:45 Uhr ist die Welt an Frühlingsgruß aus NiemetalFrühlingsgrüße aus NiemetalLFrühlingHedda und Fianna gemießen den Frühling in Niemetalandos Sportplatz in Niemetal sehr in Ordnung. Draußen hat es 3 °C, der Himmel über uns ist wolkenlos und feine Nebelschleier liegen über den Basaltkuppen ringsum. Das Leben im Franz ist von Zufriedenheit und stillem Glück geprägt, denn Franz spendet uns heute Morgen sogar warmes Wasser. Der Tag nimmt seinen Gang, gelassen und routiniert, weil wir zwar heute die beiden Täubchen noch einmal zusammenlassen wollen, aber einerseits keine Zweifel am Gelingen haben und andererseits sowieso sicher sind, dass die erste Hochzeit schon erfolgreich war. Heute steht die Zugabe auf dem Programm.

Um 10:00 Uhr kann es Hedda kaum erwarten, als wir sie aus dem Franz lassen; im Stechschritt überquert sie den Sportplatz, weiß, was und wer sie am anderen Ende erwartet, kaum zu bremsen ist sie und kaum zurückzurufen, sie, die sonst jedes Kommando sofort annimmt und auf der Hacke kehrt macht, wenn man sie ruft. Sie hat sichtlich Gefallen gefunden am Bräutigam und seinen Bemühungen. Das Unangenehme, das ihr die Klagelaute entlockte, hat sie verdrängt. Die Hormone tun ihre Pflicht.

HochzeitstanzUm 10:05 Uhr ist Landos Garten ein weiteres Mal Schauplatz eines Fruchtbarkeitstanzes mit integrierten Ehestandsübungen. Doch heute weiß der Favorit, worum es geht, will den Macker machen und seine Braut beeindrucken und verliert dabei an Lockerheit und Unbedarftheit. Heute ist er fahrig, übermotiviert und ineffizient. Die Braut verzeiht im das alles, auch wenn er sie von allen Seiten zu besteigen droht, schiebt ihn fort und wieder an, wenn er fragend um sich blickt und nichts mehr blickt. Immer wieder spornt sie ihn an und lässt ihn nicht vom Tanzboden. Das erledigen dann wir um 10:25 Uhr, als der Liebhaber ein Opfer seiner Selbstzweifel zu werden droht. Aber wir geben dem Affen Zucker, indem wir ihn ins Haus sperren und die Angebetete vor seinen Augen durch seinen Garten flanieren lassen. Das bringt den Puls runter und die Hormone hoch. Für uns ist Kaffeezeit.

Nach einer knappen DeckaktStunde gibt es ein neues Rondo, in der Lando nicht mehr lange fackelt, sich offenbar während seiner Auszeit das weitere Vorgehen strukturiert zurechtgelegt und vorgenommen hat, es exakt so umzusetzen. Fünf Minuten später, um 11:26 Uhr ist Lando am Ziel. Hedda sieht auch heute wieder Grund genug, die Zudringlichkeit lautstark anzuklagen, allerdings deutlich leiser als gestern und mit schnell schwindendem Schalldruck; kaum mehr als eine Minute gibt sie Laut, dann ist sie still und verlegt sich aufs Gurren und Knöttern. Heddas Beschallung ist von der todgezeichneten Jeanne d’Arc am Montag auf das Niveau einer kurzatmigen und indisponierten bayerischen Blechblosn abgerutscht. Sie kuschelt mit ihrer Ziehmutter, Lando vertraut auch heute wieder Thomas‘ Ruhe und Erfahrung, was dem Akt eine spirituelle Ruhe verleiht. Nach 24 Minuten, um 11:50 Uhr lassen die beiden voneinander ab, bringen sich und ihre Kleider wieder in Ordnung und sind sich offenbar des würdevollen Stands der Elternschaft sicher. Alle sind glücklich, nur die Knie der beiden Unterstützer tragen nach 24 Minuten Beugehaft Trauer.

Für uns gibt LandoLandoes nun nichts mehr zuHeddaHedda tun. Wir nehmen Abschied von Lando, dem wir versprechen, seine Kinder wie rohe Eier zu hegen und zu pflegen. Wir verabschieden uns von Thomas Homuth, der sich so große Verdienste um den Bairischen Blues erworben hat, dass wir schon darüber sinnen, ob wir nicht einen kleinen Blueser auf Jomuth taufen sollten und wir nehmen bis auf Weiteres Abschied von Landos Haushältern, denen selbstverständlich jederzeit unsere Türen offenstehen, wenn seine Kinder ihr Unwesen im Mangfalltal treiben werden.

Um 13:25 Uhr rollen wir davon. Unser erstes Ziel ist der Stellplatz in Bühren, nur ein paar Kilometer abseits unserer Route, um dort Franzens Toilette zu entsorgen. Doch der Bührener Stellplatz ist eher ein Abstellplatz und ein vernachlässigter, verschlammter Müllplatz ohne WC-Entsorgung. Der erste Eindruck lässt es eher wahrscheinlich sein, dass hier alle ihre Toilette ohne die dazugehörige Infrastruktur entleeren. Einem Hinweisschild zufolge sollen wir den Grund 11 aufsuchen, um unsere Toilette zu leeren. Mehr erfahren wir nicht. Unter diesen Umständen sehen wir keinen Grund, dem Grund 11 nachzuspüren, Bühren zu durchkurven und in jeden Hinterhof zu spähen. Wir haben auch keine Lust, Google Maps zu befragen, wir fahren einfach los. Am Autohof Cuxhagen fluten wir Franzens Tank und fragen, ob es hier eine Möglichkeit der Entsorgung gäbe. Die Verneinung kommt so entrüstet wie rüde, dass wir beschließen, diesem Etablissement keinen Cent für unseren Mittagssnack in den Rachen zu werfen. Wir decken uns gleich nebenan bei KFC ein, weil es egal ist, mit welchem Plastikfutter man sich die Gesundheit ruiniert.

Und dann geht es schnurstracks ab in den Süden. Heute Nachmittag ist deutlich mehr los als am Montag, auch die Lkw sind wieder on tour, vor allem in den Kasseler Bergen, aber es geht dennoch sehr geschmeidig voran. Wie auf der Hinfahrt vermeiden wir die A 3 und rollen über die A 70 und A 72 nach Nürnberg. Nur in Nürnberg fahren wir wegen eines Unfalls nicht am Kreuz Nürnberg auf die A 9, sondern bleiben noch bis zum Kreuz Altdorf auf der A 3 und fahren von dort über die A 6 zum Kreuz Nürnberg Ost und dort erst auf die A 9. Das sind nur wenige Kilometer Umweg, die unsere Bilanz nicht schaden. Um 19:10 Uhr stellen wir den Franz nach 562 Kilometern wieder zuhause ab. Es hat 5 °C und ist klar.

Klar ist es aber jetzt auch mit den jüngsten Jüngern des Bairischen Blues. Zwei makellose Deckakte lassen kaum Zweifel aufkommen, dass wir bald um einige Kinder reicher sein werden. Wie viele es sein werden, haben Hedda und Lando unter sich und in inniger Umarmung ausgemacht. Da lassen wir uns überraschen. Damit aber niemand überrascht ist, wie es weitergeht, hier die Eckdaten des J-Wurfs:

Woche 16 (19.-24. April) wird uns allen ein Ultraschall Gewissheit verschaffen.

Um den 24. Mai (Pfingstmontag): Wurftag

Um den 19. Juli (exakt 8 Wochen später): Welpenabgabe

Jetzt wird’s ernst mit dem J-Wurf des Bairischen Blues. Möge die Übung gelingen…