

Nachts hat es geregnet und jetzt ist der Himmel glasklar geputzt. Nach dem Frühstück, gegen 10 Uhr, führen wir uns und unsere Hunde durch Rīga. Und jetzt entfaltet die alte Stadt ihre ganze Pracht. Nicht nur die prächtigen Jugendstilbauten (ca. 800 gibt es davon und die meisten in Topzustand) bestimmen den Flair der alten Hansestadt, es sind die Details, die kleinen Liebenswürdigkeiten, die dem großen Pomp ein menschliches Antlitz verleihen – und natürlich die Parks mit ihren Wasseradern, die Rīga seinen frischen Teint verleihen. Wenn wir schon vom Jugendstil sprechen, stellt sich fast zwangsläufig die Frage nach den lettischen Frauen. Kurze Antwort: prächtigster Jugendstil, gradlinig und verspielt, zeitlos schön, richtige Hingucker eben.

Wollte man die lettischen Frauen mit den polnischen vergleichen (sollte man aber besser unterlassen), könnte man den Unterschied so zusammenfassen: Die Lettinnen ziehen die ganz kurzen Röcke nur so lange an wie sie es sich leisten können, obwohl sie es sich mindestens doppelt so lange leisten könnten. Dazu sind sie, wie übrigens alle Letten, die wir trafen, überaus freundlich. Das gilt gleichermaßen für Russen, Weißrussen und Ukrainer, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Immer wieder werden wir wegen unserer drei Hunde angesprochen, zum Streicheln angehalten und fotografiert. Das ist wie mit den Kirschen in Nachbars Garten: wir fotografieren Jugendstilfassaden bis zur Materialermüdung der Verschlüsse und die Letten fotografieren Hovawarte. Unspektakulärer und wirkungsvoller kann Völkerverständigung eigentlich nicht sein: jeder gibt dem anderen, was dieser nicht hat. Vielleicht lässt sich dieses erste Eintauchen in diese alte baltische Stadt nicht besser beschreiben als: wir fühlen uns wohlig und willkommen.
Natürlich tut auch die deutsche Vergangenheit ein übriges, um sich hier irgendwie heimisch zu fühlen, viele Namen sind darauf zurückzuführen, wie etwa der Wöhrmannsche Garten (Vērmanes darzs), der als Garten nur sehr unzulänglich beschrieben ist, es handelt sich nämlich um einen zauberhaften Park im Herzen der Stadt. Rīga wurde im Jahre 1201 von Bischof Albert von Buxhoeveden aus Bremen gegründet und entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Handelsstädte der Hanse. Manchmal, wenn man vergisst, wo man sich gerade aufhält, hat man plötzlich das Gefühl in Lübeck oder Bremen zu sein – wenn das Auge nicht beim nächsten Blick sofort wieder von einer Jugendstilfassade gefangen genommen würde.

Eine Oase mitten in der Stadt ist, trotz des emsigen Treibens, der Kronvalda Park mit seinen Liegewiesen, Wasseradern und Statuen, durch den alle Wege zu führen scheinen. Diese erste Annäherung an Rīga dauert bis etwa 13 Uhr, um 14 Uhr treffen wir uns mit Ieva auf eine weitere Erkundungstour, diesmal aber ohne Hunde, außer Bonti, die heute noch Auslauf braucht, was man von unseren Dreien bestimmt nicht mehr sagen kann. Stadtbesichtigungen mögen für das menschliche Wohlgefühl erhebend sein, wenn die besichtigten Städte erheblich sind, für Hunde sind sie bestenfalls eine Reizüberflutung mit neuen Düften, an Jugendstilfassaden sind sie höchstens bezüglich einer Markierung interessiert, und für unsere Damen trifft noch nicht einmal das zu. Also, genug gesehen für heute, jetzt ist für die vierbeinige Reisegesellschaft Nachmittagsschlaf angesagt.

Wir schlendern wieder durch die Jugendstilviertel und die Parks und dann weiter bis ans Ufer der Daugava (Düna) zum Zentralmarkt, dem größten Markt Lettlands, untergebracht in fünf riesigen Hallen, für deren Dächer Teile zweier Zeppelinhangars eines Luftschiffhafens verbaut wurden, der nach dem Ersten Weltkrieg an Lettland gefallen war. Markthallen lösen einen besonderen Reiz aus, egal wo man sie besucht und egal, worauf sie besonders spezialisiert sind, man hat das Gefühl, den Menschen vor Ort besonders nahe zu sein. Uns ist es immer so ergangen, egal ob in Chiang Rai im Norden Thailands, in Mombasa, Kenia, in St. Peter Port auf Guernsey, oder in Hanoi, Bozen und irgendwo in der Bretagne – immer hatten wir das Gefühl, den Pulsschlag des Landes zu spüren, den Lebenstakt der Region zu ahnen. Wer aber bei einem Besuch des Münchener Viktualienmarktes glaubt, dass ganz München oder Bayern eine solch zünftige Trachtenoperette ist, wird schnell enttäuscht werden und den Glauben an die Aussagekraft der Märkte einmotten.

Märkte sind herrlich, Märkte sind Schaufenster eines Landes und seiner Kultur und wollen besucht und durchstöbert werden, Märkte wollen und sollen geliebt werden, aber mehr als das vage Versprechen einer Bordsteinschwalbe sollte man von ihnen nicht erwarten: Man sieht, was man sehen möchte, man glaubt, was man glauben möchte und man kauft, was man kaufen will und für sein Geld bekommt, man bekommt, was für den geforderten Preis zu haben ist. Die Markthallen Rīgas unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht, sie bieten an, was das Land und die Ostsee zu bieten haben, verbieten sich aber einen zu aufdringlichen Blick hinter die Kulissen. Und nichts weniger als die gebotene Distanz sollte man als Tourist auch wahren. Trotzdem: Falls wir wieder nach Rīga kommen sollten, wird es sicher ein Wiedersehen mit den Hallen des Centrāltirgus geben.
Gegen 18 Uhr sind wir zurück im Hotel, genehmigen uns ein kleines Bier und warten auf Kalvis, der uns um 19 Uhr abholen soll. Alle zusammen fahren wir die Daugava entlang nach Süden, immer auf der Krasta Iela, ins Restaurant des Lido Vergnügungsparks. Das Lido ist, wie viele Restaurants in Lettland ein Selbstbedienungsladen. Normalerweise firmieren solche Bistros unter dem Namen kafejnīca, und man ist in ihnen meist gut aufgehoben: das Essen ist preiswert und landestypisch. Viel falsch kann man dabei nicht machen. Für dieses Lido wäre der Begriff kafejnīca jedoch nur mäßig angebracht, es handelt sich nämlich um einen riesigen Gastronomiebetrieb, ähnlich der vor Jahren bei uns so beliebten Marchés, nur ist dieses Lido ein dreifacher Marché auf zwei Ebenen. Es gibt alles, was man sich wünschen kann und das zu sehr reellen Preisen. Das einzige Problem liegt darin, dass sich sechs Personen an den Vitrinen orientieren und entscheiden müssen, dabei hin- und her irren, sodass die Speisenfolge auf dem Tablett meist kalt ist, wenn endlich alle am Tisch sitzen. Aber das ist kein lettisches oder Lido-typisches, sondern ein weltumspannendes Problem der Selbstserver mit mehreren Personen.
Zurück im Hotel nehmen wir uns noch einen Wein aufs Zimmer, plaudern uns in die Nacht hinein und machen die Lichter erst nach Mitternacht aus. Morgen ist unser letzter Tag in Rīga, morgen geht es aufs Land.
