Der Samstag steigt grau, dick bewölkt und ungastlich aus den Federn. Wenn sich der Himmel von Lettland einbildet, einen kleinen bayerischen Spähtrupp mit solch unzulänglichen Hausmitteln von seinem Vorhaben abzubringen, ist er zwar dick ein-, aber gründlich falsch gewickelt. Wir haben vor, Mamas Reisevorschläge so gut es geht zu beherzigen und nochmal den Osten im Visier.
Die Daugava flussauf fahren wir auf der A 6 bis Plavinas, wo die Daugava sich südwärts wendet und wir, nun auf der P 37, uns nordwärts ausrichten und dem Flüsschen Aiviekste folgen. Über die Provinzstadt Madona, die vermutlich deshalb so trist ist, weil ihr für mehr Pomp und Spektakel das zweite „n“ fehlt, erreichen wir kurz vor Mittag und nach gut 130 Kilometern das Städtchen Cesvaine.

Der Ort selbst ist unbedeutend, aber auch hier gibt es wieder ein Schloss, ein Jagdschloss diesmal. Wir zitieren aus Faulheit und weil man es selber kaum besser machen kann aus unseren zweiten Reiseführer: Lettland von Dumont, der übrigens weder in Wort noch in Bild von einem Fotografenhügel in Sigulda berichtet, obwohl er ebenfalls 2009 erschienen ist und seither nicht, schon gar nicht komplett, aktualisiert wurde. Dafür erwähnt der Lettlandführer für Individualreisende Cesvaine nicht einmal. Nun gut, weiß man in Zukunft, auf wen man bauen darf. Also los mit der Schilderung des Jagdschlosses Cesvaine: „Das 1890-97 nach Entwürfen von Hans Griesbach und August Dincklage erbaute zweistöckige Schloss gehörte einst dem Baron Adolph von Wulff. Die Mauern bestehen aus großen Granitsteinen, die von Hand geschlagen wurden. Während Fenster, Eingangsportal und Eingangshalle im romanischen Stil gestaltet sind, stehen Dach, Türme und Kreuzgewölbe im Zeichen der Gotik. Die Treppenhäuser und Deckenmalereien erinnern an die Renaissance und in manchen Räumen entdeckt man Jugendstilelemente. Trotz der historisierenden Bauweise wirkt das Schloss insgesamt harmonisch. Leider zerstörte im Jahr 2002 ein verheerender Brand einen Großteil des Daches und des oberen Stockwerks. Nach und nach wird das Gebäude nun restauriert.“

Dem wäre nur hinzuzufügen, dass heute eine bekannte und ambitionierte Musikschule dort untergebracht ist, in der die bekanntesten Musiklehrer unterrichten und deren Konzerte, weit übers Land hinaus bekannt, das Schloss mit finanzieren. Wir verbringen ziemlich lange im Schloss, fast könnt man sagen, wir haben versucht, seine letzten Winkel zu erkunden. Der Bau zieht uns in seinen Bann. Zu der Anlage gehören noch Stallungen, das Haus des Gutsverwalters, der noch heute dort residiert und das Schweizer Haus, das früher für den Förster bestimmt war.

Wir sehen uns alles an, streichen herum wie fahrendes Volk und befürchten, einen ordentlichen Anschiss zu kriegen, als plötzlich der Verwalter aus seinem Haus tritt. Doch keine Spur von Zurechtweisung wegen unserer Neugierde, im Gegenteil, er nimmt sich Zeit, erklärt uns das Hinterste und Vorletzte, fordert uns auf, alles zu fragen, was uns auf den Herzen brennt und ist nichts anderes als freundlich. Nur als er uns nach dem Schlosspersonal befragt, ob wir denn freundlich umsorgt, geleitet und geführt worden seien, müssen wir lügen, warum sollten wir das Personal auch in die Pfanne hauen? Nein, wir sind überhaupt nicht begrüßt worden, nicht mal ein Gruß wurde uns entbracht, gefragt, geleitet und was sonst noch in deren Arbeitsplatzbeschreibungen stehen dürfte, hat uns niemand. Genau genommen wurden wir ignoriert, wie man Touristen eben gerne ignoriert. Bei einer Besucherzahl, die man an drei Händen abzählen könnte, ist das auch eine Manifestation. Wir loben sein Personal und versichern, dass wir uns gut aufgehoben fühlen und denken uns, er soll sich selber ein Bild von der faulen Bande machen. Aber wahrscheinlich weiß er nur zu genau, warum er die Besucher fragt, und ebenso wahrscheinlich weiß er, dass wir lügen wie die Nachfahren des Freiherrn von Münchhausen, der übrigens hier, in Lettland, ein paar Jahre im Dienste der russischen Armee verbrachte.

Kurz vor 13 Uhr machen wir uns wieder davon Richtung Vecpiebalga (ca. 45 Km). Dazu müssen wir zurück bis Madona und dann auf der P 30 nordwestlich nach Vecpiebalga. Unterwegs machen wir Rast in einer Kafejnīca. Wenn wir gewusst hätten, was uns jetzt bezüglich der Straßenverhältnisse bevorsteht, hätten wir wohl auf den Imbiss verzichtet. Vecpiebalga hat seine Zukunft längst hinter sich, es gibt keinen Grund, diesen Flecken anzusteuern, es sei denn Ievas Mama hätte ihn gelb markiert, aber nicht weil sie uns den Ort empfehlen wollte, sondern weil sie uns den dort liegenden

Alaukst-See (Alauksts ezer) ans Herz legen wollte. Man tut sich einen Gefallen, wenn man es in diesem Landstrich nicht eilig hat. Dass liegt zum einen daran, dass er von zauberhafter Schönheit ist und zum anderen, weil man sonst einen Achsbruch riskiert. In Vecpiebalga irren wir ein wenig umher, bis wir Mamas Handskizze auf die örtlichen Verhältnisse umsetzen können, finden dann aber eine bucklige Zufahrt zum See. Etwa auf N 57° 25’ 41‘‘ und E 25° 48‘ 54.42“ stellen wir den Multivan am Wegrand ab und gehen zu Fuß zum See weiter. Vor uns öffnet sich eine Wiese mit einem Badepavillon am See, dahinter ein Steg weit in den See hinaus. Im Hintergrund hält sich ein zweistöckiges Wohnhaus, von dessen Balkon aus wir beobachtet werden. Der Steg vor dem Pavillon ist weit und breit die einzige Stelle, von der aus man in den See gelangen kann, weil der Rest völlig verschilft ist. Ein lauschiges Plätzchen, so viel muss man sagen.

Nun gut, wir wollen unsere vierbeinigen Damen nur kurz zu Wasser lassen, damit sie sich den Staub aus den Roben spülen können und auch etwas vom Tag haben (Jagdschlösser und Herrenhäuser sind ja nicht ihre große Leidenschaft, auch wenn sie davon abstammen und als deren Wachpersonal gezüchtet wurden). Wird schon niemand etwas dagegen haben. Doch kaum betreten wir den Uferstreifen, kommt der Späher vom Balkon zu uns herunter, will wissen wer wir sind und was wir hier treiben. Wir klären ihn auf und er bietet uns sein Reich an: macht es euch gemütlich und bleibt, solange ihr wollt. Wir sind baff. Möglicherweise freut man sich in dieser Einsiedelei über jedes Lebewesen, das keine Ente und kein Storch ist. Er zieht sich zurück und wir planschen mit den Mädels im See, eigentlich planschen nur die Mädels, die unermüdlich ihre Schwimmbälle retten müssen. Nachdem diese Übung zu einem kleinen Erschöpfungszustand der drei geführt hat, gehen wir in einem großen über Ost gerichteten Bogen um das Haus herum, um sie zu trocknen, bevor es wieder ins Auto gehen soll. Westlich des Wohnhauses stoßen wir auf einen Neubau, der noch ziemlich im Rohzustand ist, wo aber keiner dran arbeitet. Da müssen wir natürlich auch noch die Nase reinstecken; man will ja schließlich wissen, was Letten hier in dieser einsamen Gegend sich unter einem Ferienhaus vorstellen. Noch ein paar Schritte gen Norden ziehen wir, bis das Gelände und das Schilf keine neuen Erkenntnisse mehr versprechen. Und dann geschieht es! Während Hermann noch eine Stange Wasser im Schilf abstellt und Annemarie sich in einem für die Bauarbeiter aufgestellten Herzchenhäuschen erleichtert, die Chefin des Blues irgendwo dazwischen wartet und der Chronist schon weiter Richtung Auto gewandert ist, bricht von einem Anwesen jenseits von Hermanns Pinkelstelle ein mächtiges Gezeter los, dazu meldet sich auch noch ein Hund zu Wort, und nur Sekunden später scheppert ein VW Golf, der bei uns schon längst kein Kennzeichen mehr hätte, vor einer gewaltigen Staubwolke daher und auf uns zu, dem eine füllige Dame im Schürzenkleid entsteigt und Hermann mit russischen Vokabeln zuschüttet. Hermanns Russisch reicht nicht viel weiter als bis Na sdarowje und Do swidanja, aber der englische Wortschatz der Russin genügt für ein: wer, woher, wohin? Aus Deutschland kommen wir, Urlaub machen wir in Lettland und hier sind wir, weil uns dieser See als Juwel empfohlen wurde. Den Rest hätte er gar nicht mehr sagen müssen, schon Deutschland war das Schlüsselwort, das die Gesichtszüge der Russin in ein rundes Strahlen verklärte, sie dazu veranlasste, wie von Geisterhand einen Wodka aus dem Autowrack zu zaubern (gehört wohl hier in jedes Auto, wie bei uns das Warndreieck) und uns davon anzubieten. Es gelingt Hermann mit seinem urbayerischen Charme, ihr dieses Ansinnen auszureden, ohne sie zu beleidigen, weil wir doch noch eine ganze Strecke fahren müssten. Sie hat ein Einsehen und erklärt ihren Zorn damit, dass hier dauernd irgendwelches Gesindel herumlungert und aus dem Neubau Werkzeug klaut. Daher also weht der Wind, die Idylle hat also doch irdische Züge. Sie entlässt uns strahlend und nachwinkend. Das ist jetzt schon das dritte Mal an diesem Tag, dass wir wie die Heiligen Vier Könige willkommen geheißen werden, obwohl wir nichts als Gastgeschenk anzubieten haben. Was begeistert die Letten so an vier Deutschen auf Urlaubsreise? Zwar haben wir Deutsche den Letten deutlich weniger angetan als anderen Nachbarn, aber dass wir hier so gern gesehen sind, erstaunt uns doch. Als reisender Deutscher lernt man immer wieder, dass es freundlichere Gastgeber gibt als wir Deutsche es selber sind. Vielleicht ist das ja der Grund, warum viele Bürger anderer Nationen gerne zu Hause Urlaub machen und wir lieber ins Ausland fahren. Die Wahrheit ist, dass wir uns wahrscheinlich selber nicht ausstehen können. Und da wärmt es die Seele, wenn wir wenigstens von anderen gemocht werden.
Gegen 16:45 Uhr, verlassen wir den Alaukst-See in Richtung Lielvārde. Diesmal halten wir uns auf der P 33 südlich bis Ergli, dann weiter auf der P 78 bis Plavinas und anschließend auf der A 6 wieder zurück nach Lielvārde. Es ist ein Stoßdämpfer-Test für den Multivan, aber die Landschaft entlohnt jede Stauchung der Wirbelsäule mit einer neuen, unvergesslichen Vielfalt. Der Raps steht erst jetzt hier in voller Blüte, dazu riesige Felder mit blühendem Giersch, Lupinen und Riesenbärenklau. Ein unwirklicher Landstrich, weil es kaum Siedlungen gibt, höchstens einzelne Gehöfte, die unter diesem Bewuchs fast verschwinden. Und natürlich überall Störche, die ins Landschaftsbild gehören wie bei uns die Krähen.
Frische Salate auf der Terrasse (lettisch)
Im Kühlschrank: Ungefiltertes Bier aus der Brauerei
Neue Kartoffeln (lettisch)
Chicken wings (lettisch)
4 verschiedene Salatsoßen, mit Kefir hergestellt (ich glaube, es war russischer Kefir)
Tomaten (lettisch)
In der Küche, Walderdbeeren
Lettische Süßigkeiten „Gotina“ (Milch-Sahne-Zucker), so eine Art Fudge
Dann folgte noch ein neuer Ausflugstipp und die Telefonnummern, unter denen wir noch weitere Genüsse bestellen könnten.
Das Paradies muss hier an der Daugava liegen!
Der Abend wäre auch ohne diese Nachlieferung nicht im Hunger erstickt, aber so ist er gerettet. Nur das Wetter macht wieder Zicken: den ganzen Tag Sonne Wind und Wolken, jetzt regnet es wieder. Immerhin – nachts kann man damit umgehen.
