Was der Abend mit orangenem Licht versprach, macht der Morgen mit klarer Luft und 15° wahr. Es sieht nach einem schönen Abschiedstag aus. Beim Frühstück werden dann auch die letzten Entscheidungen zügig getroffen: keine Westküste! Wir sehen uns nochmal in Jūrmala um. Einer der Gründe ist auch, dass wir in diesem Touristenort sicher ein Reisebüro finden werden, wo wir uns auf einem Computer nach einer Bleibe in Polen umsehen können, denn wenn auch unser Aufenthalt in Lettland zu Ende geht, ist unsere Reise noch nicht zu Ende. Vernunftgründe allenthalben eben.

Um 9 Uhr starten wir und um 10:30 Uhr bedienen wir schon den Computer der Tourist Info, um uns nach einer Bleibe in Polen umzusehen. Eine knappe halbe Stunde später ist ein Hotel in Masuren gebucht und wir begeben uns auf Sightseeing durch Jūrmala.

Die Un-Gute Stube Jūrmalas

Da Jūrmala nicht sehr groß ist, erübrigen sich die Richtungsentscheidungen: wir marschieren vom Touristenbüro aus durch die Mitte, durch die Fußgängerzone, die Iomas iela hoch. Der erste Eindruck ist der, den man am wenigsten braucht: Touristenabzocke! Bars, Kneipen, Clubs, Strip-Lokale, Pizzerien, Dönerbuden, Fast-Food-Löcher, Souvenirläden, Ramschläden, Juwelierläden, Internet- und Zockercafés, das ganze Ensemble eben, welches einem nicht viel mehr als die Entscheidung zwischen Brechreiz und Fluchtreflex lässt. Doch dann plötzlich heimische, vertraute Laute: „Gleich drei Hovawarte!“ Der Sprecher dazu ist männlich, spätes Mittelalter und, wie sich gleich herausstellen wird, ehemaliger Hovi-Züchter, ehemalig, weil er sich von seiner Frau trennte und somit nur noch ein doppelter Ex ist, Ex-Ehemann und Ex-Züchter. Er hat jedenfalls Freude an unseren schicken Damen und wir an seiner Kennerschaft, die den schaurigen Eindruck der Iomas iela wenigstens eine Nuance aufhellt.

Die Weltkugel von Jūrmala

Am Ende der Fußgängerzone steht eines der Wahrzeichen Jūrmalas, die große rotierende Erdkugel, an der sich, laut Touristenprospekt, die Gäste traditionell fotografieren lassen. Also gut, machen wir das eben auch, allerdings lassen wir uns nicht fotografieren, sondern erledigen es selbst. Gleich im Anschluss an die Fußgängerzone erstreckt sich der Waldpark Dzintari mit seinen Bänken und Plätzen zum Erholen unter riesigen Kiefern. Dort schütteln wir unsere Beine aus, auch die Blasen werden abgelassn – und dann wird es für den Chronisten schweißtreibend. Zentrum des Parks ist ein gut dreißig Meter hoher Aussichtsturm, der dadurch besticht, dass er nur aus Stahlgitter und Glas besteht, für einen Höhenphobiker ein Endzeit-Szenario: kein fester Boden unter den Füßen und nichts Reelles zum Anfassen. Aber man ist kein Feigling, niemals, und was einen nicht abstürzen lässt, hält einen auf Kurs. Wir teilen uns also wieder in die schon aus Turaida bewährten Zweiergruppen; die eine steigt auf, die andere hütet unten die Hunde. Es kostet einen Höhenphobiker schon genug Überwindung, dort hoch zu steigen, aber wenn der Lohn der Angst Kiefernspitzen und ein ganz in der Ferne vorbei ziehender Frachter ist, dann wird aus Angst schnell Wut über die völlig unnötige Zumutung und man kommt in die Gefahr, sich dort oben wie Rumpelstilzchen selbst zu spalten. Da aber die Selbsttötung aus Angst vor dem Tod nur eine unzulängliche Lösung des Problems ist, lebt der Chronist noch immer und tut, was ihm aufgegeben ist: aufschreiben, auch, wenn es die eigenen Unzulänglichkeiten betrifft.

Die Gute Stube von Jūrmala

Wir wenden uns nun nach Norden, dem Strand zu und schlendern die Juras iela in westliche Richtung zurück, unserem Ausgangspunkt entgegen. Hier entfaltet Jūrmala seinen eigentlichen Charme, den eines gestandenen Badeortes: prächtige alte Häuser, Villen, Gartenhäuser, teils im Jugendstil, teils in landestypischer Tradition, frisch renovierte, modernisierte und etwas marode und morbide, die noch auf einen Investor warten. Hier atmet noch und wieder der Geist der letzten Jahrhundertwende, vor allem die alte

Das alte Seebad

Badeanstalt, ganz unten am Strand, erstrahlt seit 2003 wieder in ihrem morbiden Bäderglanz. Gleich gegenüber prunkt das Seepavillon, ebenfalls neu herausgeputzt, in dem schon der schwedische König Karl Gustav V. residierte. Heute hält dort ein freundlicher junger Mann Wacht über den Strand, dass sich dort niemand aus Versehen mit seinem Hund ergeht. Sehr freundlich lässt er uns wissen, dass Hunde am Strand nicht erlaubt seien, er aber annehme, dass wir das sowieso schon wüssten. Aber natürlich wussten wir das und hätten auch gar keine Anstalten gemacht, diese heilige Meile zu beteten. Da war er ganz glücklich und zog sich zufrieden und freundlich lächelnd zurück. Nein, da kann man nichts sagen, sie verstehen ihr Handwerk hier; es gibt Weltregionen, und das sind die meisten, in denen sich ein solcher Hinweis anders anhört und einem Verweis gleichkommt. Man ist ja auch gar nicht böse, wenn man die Spielregeln kennt, und im weiten Umkreis des Strandes wird deutlich gemacht, dass nur zweibeinige Pinkler den Strand betreten dürfen. Die bezahlen ja auch viel Geld dafür, dass ihr Strand täglich gerecht wird, damit das Pfützchen, das sie klammheimlich hinein pinkeln, auch prächtig zur Geltung kommen kann.

Die Schildkröte bewacht den Strand von Jūrmala

Wir versammeln uns um die große Schildkröte, ein weiteres Wahrzeichen Jūrmalas, dokumentieren unsere Anwesenheit und ziehen ab. Der Abzug, soviel sei angefügt, vollzieht sich nun ziemlich schnell, denn die

Finstere Aussichten

Wolkenwand, die über die Ostsee herein zieht, lässt nichts Gutes ahnen. Hier unten, in der Nähe des Strandes und der historischen Prachtbauten, passieren wir Villen, die nicht so recht ins Bild passen wollen, es sind solche, die sich nicht zeigen wollen, die nicht mit ihrem Glanz Punkte bei Touristen sammeln wollen, es sind solche, die sich hinter Mauern ducken, von denen herab Kameras die Umgebung sichern. Von ihnen geht kein Leben aus, in ihnen ist kein Treiben zu ahnen und gerade deshalb ahnt man, was in ihnen getrieben wird. Hier residieren die neuen Herren Jūrmalas, die neureichen Herren Jūrmalas, die Russen, die Mafia. Ihnen gehören die meisten der Abzockerbuden in der Fußgängerzone, sie haben den Tourismus hier im Griff. Jūrmala ist nur ein anderes Wort für Kitzbühel, St. Moritz oder Ischgl.

Wir schaffen es gerade noch, uns eine Handvoll süßer Stückchen zu erstehen, bevor der Regen losplatzt, hinein in den Multivan und auf Nimmerwiedersehen brausen wir davon, wie der Platzregen daher braust. So eine Badeente kann man gar nicht sein, um Jūrmala nochmal anlaufen zu müssen.

Auf der Bugwelle des Gewitters surfen wir gen Lielvārde. Allerdings nicht auf direktem Weg, sondern auf dem Umweg über die Bäckerei Lāči. Hermann, der Süße, hat erhebliche Lücken in seinem Brot- und Leckereienbestand festgestellt, die, wenn nicht jetzt, wann dann, geschlossen werden müssen. Es gibt wahrlich Schlimmeres als einen Umweg über Lāči.

Ein letztes Bad in der Daugava

Der Regen schiebt uns weiter und voran, Blumen besorgen wir noch für Ievas Mama und gegen 16 Uhr sind wir wieder auf unserem Stammsitz an der Daugava. Da der Regen eine größere Pause macht und der Himmel sich blau über die Daugava wölbt, zieht es die Seepferdchen unter uns auf einen letzten Badegang in der Daugava, noch einmal Zwiesprache halten mit den trägen Wellen dieses behäbigen Flusses.

Abschied von unseren herzlichen Gastgebern

Um 19.30 Uhr gehen wir mit Ieva, ihrer Mama und Kalvis ins Restaurant Kante essen. Anschließend sitzen wir noch bis Mitternacht auf der Gartenterrasse, immer wieder begleitet von heftigen Regen- und Graupelschauern. Wir nehmen nicht leicht Abschied von unseren Gastgebern, die uns den Aufenthalt in Lettland zu einem Wellness-Urlaub machten. Die Herren und Damen von der Wetterabteilung könnten da noch einiges dazulernen. Ob wir noch einmal hierher kommen werden? Gut denkbar, es gibt noch viel zu entdecken in diesem stillen und freundlichen Land an der hohen Kante Europas. Ja, doch! Und für unsere Hovawarte ist der Norden allemal eine würdevollere Option als der hitzebrüllende, lärmende und Hunden gegenüber häufig höchst unfreundliche Süden.

Wir lassen uns diese Option sehr weit offen und neigen zu einem Wortspiel: Lett it be (was ja nicht Lass es sein bedeutet, sondern Lass es geschehen). Oder mit Kaiser Franz gesprochen: Schau mer mal, dann seh‘n mer‘s scho…