Lettische Glasscherben oder deutsches Gold?

Um 7 Uhr ist der Himmel stark bewölkt und die 12° C lassen uns bei kräftigem Wind frösteln. Nach dem Frühstück fahren wir um 9 Uhr nach Jūrmala, einem Bade- und Touristenort, dort wo die Lielupe in die Rīgaer Bucht mündet. Gegen 10 Uhr haben wir die gut 70 km geschafft, verlassen sofort die Touristenroute und suchen uns in der Nähe des Strandes einen Parkplatz. Mit unseren Wasserhovis streifen wir gen Westen den Strand entlang, immer mit einem Auge im Sand, um nur ja kein Bernstein-Kleinod zu übersehen. An der Ostsee will man nun mal Bernstein finden, den schon die Römer als das Gold Germaniens bezeichneten; es muss ja nicht gleich etwas besonders Wertvolles sein, aber so ein kleines honigfarbenes Kieselchen wäre schon schön. Die Hunde vergnügen sich derweil in den Wellen, panieren sich mit lettischem Feinsand, Tang, Plastikmüll, Scherben und Tauen und signalisieren uns, dass jetzt eigentlich die Welt untergehen könnte. Was diese auch vorzuhaben scheint.

Waterfront und Wetterfront

Der Himmel öffnet nämlich seine Schleusen, erst zögerlich, dann ohne Rücksicht auf Mensch und Kreatur. Zurück am Auto sind wir tropfnass und voll der Erkenntnis, dass lettischer Bernstein offenbar nur unter sehr erschwerten Bedingungen zu haben ist und außerdem vorwiegend durch Glasscherben ersetzt zu sein scheint; davon hätten wir eine Glasverwertungsfirma mit Material für ein halbes Jahr versorgen können. Der Fairness halber müssen wir eingestehen, dass dies hier nicht der Touristen- und Badestrand ist, auf den wir mit unseren Hunden nicht gelassen worden wären, aber links und rechts davon sieht die Strandwelt schon ziemlich hemdsärmelig aus, irgendwie unbehauen und so, wie eine sturmfreie Bude nach einer zweiwöchigen Abwesenheit der Eltern aussieht.

Wir fahren weiter an der Rīgaer Bucht entlang nach West/Nordwest, Ziel: Ragaciems. Wer trotz höherer Schulbildung und plagiatfreier Dissertation noch nie in seinem Leben von diesem Ort hörte, muss sich dessen nicht schämen. Ievas Mama legte uns diesen unscheinbaren Flecken ans Herz, nicht wegen seiner landschaftlichen Reize oder seiner historischen Bedeutung, nein, hier gibt es den besten Räucherfisch weit und breit. Knapp 30 Kilometer pflügen wir durch Wasserlachen bis zu jenem Markt, stürzen uns durch die Sintflut an die Verkaufswagen und –stände und kaufen Fisch, Fische, die wir nicht kennen, deren Namen uns ratlos machen und die wir auch nicht übersetzt bekommen, weil das Personal ausnahmslos russisch spricht, und lettisch mitunter, sonst aber nichts, Sprachen, die uns wiederum nur ungenügend von der Zunge gehen. Das macht aber nichts, denn schließlich reicht es ja, wenn uns heute Abend der Fisch auf der Zunge zergeht.

Es ist 12:30 Uhr und noch zu früh, um nach Hause zu fahren, selbst bei diesem apokalyptischen Regenwetter. Es kann ja immer noch besser werden und wer aufgibt, hat schon verloren. Weil wir schon in der Gegend sind, beschließen wir, Ievas Mama zu folgen und Tukums anzusteuern, knappe 25 Kilometer südwestlich im Landesinneren. Tukums ist eine Kleinstadt, die schon vor 1000 Jahren von den Liven bewohnt wurde, die hier Bernsteinhandel betrieben. Und überall, wo mit Edelsteinen und Geschmeide gehandelt wurde, stellte sich auch der Reichtum und die diesen liebende Gesellschaft ein.  Demzufolge gibt es in Tukums und Umgebung einige sehr schöne und zum Teil gut erhaltene Schlösser zu sehen, in Tukums selbst der Turm einer Ordensburg. Als wir jedoch gegen 13 Uhr Tukums erreichen, schüttet es immer noch so aus Eimern, dass uns selbst so deutschtümelnd anheimelnde Anwesen wie Gut Schlockenbeck (Šlokenbekas muiža) und Schloss Neu-Mocken (Jaunmoku pils) nicht aus dem Wagen zu locken vermögen; wir bleiben hocken, vorbei an Neu-Mocken, die Nase wieder nach Südosten, Generalrichtung Rīga. Es kann uns nicht viel schocken und noch weniger schlocken, aber Sightseeing, wenn die Sight die eines Aquarienfisches ist, überfordert auch unsere touristische Neugierde.

Off road – On rain

Weiter auf der P 98 in Richtung Slampe, auf der zum Segen von oben noch die Schlaglöcher von unten kommen. Hier machen wir erstmals Bekanntschaft mit einer Straße, wie sie sich viele hier am Rande Europas vorstellen: Loch an Loch und Lache an Lache.  Jetzt kann der Multivan zeigen, was in ihm steckt und was er wegstecken kann. Klagen hilft eh nichts, wir müssen da durch. An der Mündung in die A9, die von Rīga bis nach Liepāja an der Westküste führt, halten wir uns links, nach Osten, also auf Rīga zu.

Fettes Brot bei Lāči

Unser Ziel ist wieder ein kulinarisches, nämlich ein Laden der Bäckerei Lāči, der hier an der A 9 liegt. Hier müssen wir Brot kaufen. Hier gibt es Brot, wie es sonst vermutlich nirgends zu kaufen gibt, dunkles, fast schwarzes Brot, ähnlich unserem Pumpernickel, aber erheblich gehaltvoller, nämlich mit Öl getränkt und mit Knoblauch, Paprika, Zwiebel und vielem anderen mehr, je nach Geschmack, aromatisiert. Dieses Brot ist eine echte Geschmacksbombe, zugegeben, nicht zu allen Speisen der ideale Begleiter, weil es feinsinnigere Speisen spielend den Schneid abkauft, aber zu einer knackigen Brotzeit eine geschmackliche Offenbarung. Wenn für irgendein Brot, der Begriff „Fettes Brot“ angemessen ist, dann für dieses.  Wenn man eine internationale Geschmacksskala anlegen wollte, müsste man ganz links, unter „geschmackloser Trockenkleister“ amerikanisches Weißbrot einsortieren und ganz rechts unter „Paradies für Geschmacksknospen“ diese Brot von Lāči. Zu allem Überfluss gibt es aber bei Lāči noch vieles mehr, was das süße und salzige Leckermaul am Tropfen und Sabbern hält, sodass wir im langsam versiegenden Regen wohlbepackt den Lāči-Laden verlassen und jetzt schon wissen, dass wir hier nochmal einen Pflichttermin haben werden.

Als wir um 16:30 Uhr wieder in der Datscha in Lielvārde eintreffen, zeigt sich die Sonne wieder und tanzt auf den Wellen der Daugava. Tolles Timing!

Um 19:30 Uhr gesellen sich Ieva und Kalvis zu uns und wir schwelgen in den kulinarischen Offenbarungen Lettlands:  Lāči-Brot, Räucherfisch, so gehaltvoll, dass sogar dem Brot die Luft wegbleibt, Hanfbutter (man muss das Zeug nicht rauchen, aber von Butter wird man nicht high), Bratkartoffeln und Kräuterquark. Danach müsste man eigentlich die Daugava zweimal durchschwimmen, was wegen des angelagerten Fettes ein Leichtes sein dürfte, wegen des beigesteuerten Alkohols aber besser zu unterbleiben hat. Der einzige Wermutstropfen an diesem Abend sind die immer noch tropfnassen Schuhe des Chronisten, der die Erfahrung machen muss, dass ein Paar Allround-Schuhe mitunter mindestens ein Paar zu wenig sind, denn bei jetzt zwar blank gefegtem Himmel, aber nur 10° C, überlegt man sich schon, ob man barfuß in der Laube sitzt.