Um 6: 20 Uhr rollen wir vom Hof des Bairischen Blues, im Gepäck Mutter Franzi und Tante Anouk, dazu Klamotten und Hausrat für zwei Wochen, Heimatbier aus Maxlrain mit zwei original Maxlrainer Steinkrügen als Gastgeschenke.
Es regnet.
Um kurz nach 7 Uhr vereinigen wir uns an der Raststätte Fürholzen auf der A9 mit den seit dem D-Wurf liebgewonnenen Erziehungsbeauftragten unserer Doosie, Annemarie und Hermann, und fahren fortan im Kleinkonvoi weiter Richtung Osten.
Um 10:30 Uhr verweilen wir kurz an der Raststätte Vogtland, weniger, um uns oder die Autos zu betanken, vielmehr um ein D-Schild zu kaufen; so etwas soll man nämlich in Lettland zwingend brauchen, wie uns die einschlägigen Infomaterialen in seltener Eintracht versichern. Ein D-Schild muss es sein, ein extra aufgepapptes Nationalitätenkennzeichen. Das kleine, im Kennzeichen integrierte und Europa-normierte D tut’s im Baltikum offenbar nicht: Hauptsache der volle Griff in die EU-Kasse ist gewährleistet. Im Vogtland gibt es jedoch kein D-Schild, im Vogtland ist man mit Haut und Haar auf Europa eingestellt. Gut so und also weiter.
Um kurz vor 13 Uhr machen wir einen weiteren Versuch, diesmal am Rastplatz Freienhufener Eck Ost an der A 13 (E 55), zwischen Dresden und Lübben, allerdings waren es in diesem Fall mehrheitlich die nörgelnden Blasen der Reisenden als die Sehnsucht nach einem D-Schild, die uns zur Weile nötigen. Wie wir Männer so an der Klagemauer aller Blasengedrückten stehen und uns erleichtern, fallen unsere Blicke auf die in der Fliesenwand eingelassenen Bilder: begnadet schöne, speiend ätzende Karikaturen des Österreichers Manfred Deix. Kunst an der Pissrinne, das alleine wäre schon genug gewesen, um das Freienhufener Eck tief im Gedächtnis zu verankern. Aber selbst der Jahrhundertspötter Deix ist ein kleines Licht gegen die Allmacht des Tagesirrsinns. Während wir nämlich unsere Blasen entleeren und begeistert mit den Augen die Bilder abgreifen, werkelt hinter uns die eifrige Putzfrau und macht sich um die örtliche Hygiene sehr verdient. Diese nette Dame mittleren Alters will sich gern in unser Vergnügen über die höllisch bösen Karikaturen einklinken, tritt herbei und klärt uns mit ernstem Bemühen auf, dass auf die Kacheln sogar die Namen der Künstler aufgedruckt seien. Erstaunt schieben wir die Brillen zurecht und fokussieren unsere Blicke auf die rechte untere Bildecke: Villeroy & Boch! Wer, außer den Soli subventionierten Neufünfländern könnte sich wohl Kunst der Herren Villeroy und Boch ins Urinal kacheln? Man muss schon im Freienhufener Eck pinkeln, um in Erfahrung zu bringen, dass die Herren Villeroy und Boch, die schon Mitte des 18. Jahrhunderts ihr Keramikimperium aufbauten, heute noch Kunst in die Kacheln brennen. Wir mussten schnell raus, um uns nicht vor Vergnügen mit dem Rest in unseren Blasen einzumachen. Villeroy & Boch! Deix möge der kunstbeflissenen Dame verzeihen. Das Freienhufener Eck, besser: dessen Pinkulatorium ist für Kunstkenner ein Muss. Leider gibt es davon kein Bildmaterial – wer geht schon mit Fotokoffer zum Pinkeln? Und wer zahlt nur für ein paar Fotos nochmal seinen Obolus an Sanifair, indem er sich ein zweites Mal in die Urinanstalt, diesmal mit Kamera, begibt?
Dass es am Freienhufener Eck auch noch zwei D-Schilder für uns gibt, macht die Raststätte zu einem Mausoleum unserer Reise auf den Spuren der Deutschritter.
Weiter geht es Richtung Spreewald, wo unser erster Stopp-Over sein soll. Das Wetter hat sich eines Besseren besonnen und macht auf urlaubsfröhlich heiter. Heiter ist auch das unvermeidlich zwangsfröhliche Radio mit seinen allüberall sabbernden Krawallmoderatoren und ihren zwangsneurotischen Plakatsprüchen: „Brandenburg Radio – Voll die Vielfalt!“ Da freut man sich auf Polen und das Baltikum, da versteht man den Schwachsinn wenigstens nicht mehr. Sprachlosigkeit kann auch ein Segen sein, vor allem, wenn einem dadurch enddebile Sprüche wie dieser erspart bleiben: „Brandenburg Radio – Mehr Lala statt Blabla“. Dazu fällt vermutlich nicht einmal Deix eine Karikatur ein. Aber Villeroy & Boch könnten mit einer Spülung nachhelfen.
Wir nähern uns dennoch entspannt unserem Etappenziel, verlassen um 13:20 Uhr bei Staakow die A 13 und sind schon einen kleinen Seufzer später in Rietzneuendorf (N 52° 1′ 54.23″, E 13° 41′ 44.20″) bei Karin und Lothar Klinke. Die ersten 640 Kilometer liegen hinter uns. Karin und Lothar sind die Züchter von der Wolfser Höhe und, nach Lothars Schritt in den Ruhestand, aus dem Allgäu in den weiten Spreewald ausgewandert, haben ein prächtiges Holzhaus mit Gästehaus und ortsüblich reichlich Grund erstanden. Dort wollen wir erst mal zwischenstoppen. Die Begrüßung fällt erwartungsgemäß turbulent aus, aber nach den art- und rassetypischen Begrüßungsritualen streifen zwei einheimische Hovis, drei einheimische Elos und drei Gast-Hovis schiedlich und friedlich durchs Gelände. Blut ist erwartungsgemäß keines geflossen, dafür fließt für uns der Kaffee. Wir machen einen ausgedehnten Spaziergang durch die staubtrockene Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches, die hier, weit ab von jeglichem Gestade, sogar richtige Dünen auftürmt, und erleben wieder einmal, wie nah die alte, inzwischen völlig zu Schutt gewordene DDR neben frisch herausgeputzten Villen und schmucken Eigenheimen noch immer real existiert. Wer sehr viel Geld für Renovierungsarbeiten übrig hat, kann sich hier ein schönes Anwesen zusammenkaufen. Auf der Terrasse speisen, trinken und plaudern wir uns in die brandenburgische Nacht. Es ist schön hier. Ein bisschen trocken zwar, ziemlich trocken, aber was wir im Süden über die Sintfluten klagen, klagen die Hiesigen über die Trockenheit. Viel trinken hilft da auch nicht wirklich weiter. Nein, es ist uneingeschränkt schön hier, abseits, beschaulich und ein bisschen vergessen von einer von Lala und Blabla umgetriebenen Welt.
