Das lettische Wetter hat sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe besonnen, nämlich der, den Touristen ein angenehmer Begleiter zu sein und ihnen Freude zu bereiten. Gegen 10 Uhr konstatieren wir weiß-blaues Bayernwetter und gute 16° C. Auf unserem Besichtigungsprogramm steht heute Sigulda, 50 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Rīga und ebenso weit nördlich von unserer Datscha in Lielvārde.  Siguldas Geschichte reicht ebenfalls weit über 1000 Jahre zurück. Wegen seiner reizvollen Lage oberhalb des Flüsschens Gauja und als Tor zum Gauja-Nationalpark wurde es schon zu Zeiten der russischen Zaren ein beliebter Ferienort. Die bekanntesten Attraktionen sind heute das Neue Schloss, das Ende des 19. Jhd. vom Grafen Kropotkin als Sommerresidenz erbaut wurde und heute ein Sanatorium ist, die Ordensburg, eine der ersten Burgen, die im 13. Jhd. vom Deutschen Orden außerhalb  Rīgas erbaut wurde und von der heute nur noch eine Ruine übrig ist. Auf der anderen Flussseite liegt Krimulda, einerseits eine Burgruine aus der ersten Hälfte des 13. Jhd., eine Burg, die für den Bischof von  Rīga erbaut wurde und 1601 von den Schweden geschliffen wurde, andererseits das klassizistische Schloss Krimulda, Mitte des 19. Jhd. erbaut und lange Zeit im Besitz der Familie Lieven, heute ein Reha-Zentrum. Außerdem finden Liebhaber des Wintersports hier noch eine Bob- und Rodelbahn, auf der internationale Wettkämpfe ausgetragen werden.

Das alles interessiert uns erst mal nicht, unser Ziel ist Turaida, das Museumsreservat mit Burgruine. Im 16. Jhd. entstand hier das Landgut Turaida mit einer Holzkirche, allen Wirtschaftsgebäuden, von Gärtnerhaus über Schmiede, Wagnerei, Fischerei, Ställe, Kornkammer und alles, was man eben so braucht, alles bestens renoviert und funktionsfähig. Im Anschluss daran erstreckt sich der Liedergarten, in dem der Bildhauer Indulis Ranka in 26 Skulpturen der Volkskunst und den Volksliedern des lettischen Volkes steinerne Denkmäler setzte. Einer der beliebtesten Treffpunkte der Touristen, aber auch junger lettischer Paare ist die

Grabmal der Rose von Turaida

Gedenkstätte für die Rose von Turaida aus dem frühen 17. Jhd. Auf dem Grabstein der Rose von Turaida, einer schönen jungen Frau namens Māja, stehen die Jahreszahlen 1601-1620. Der Erzählung nach soll sie sich mit 19 Jahren in den Gärtner Viktor aus der Umgebung verliebt haben. Der polnische Offizier Adam Jacubowski fand ebenfalls Gefallen an der Schönen, aber weniger daran, dass die sich für den Gärtner entschieden hatte, weshalb sich der Pole für eine neue Krimivariante entschloss, in der ausnahmsweise mal nicht der Gärtner der Mörder ist, sondern der Offizier. Der Gärtner hatte nur noch das Nachsehen und die Bürde, die Leiche seiner schönen Geliebten mit durchschnittener Kehle in einer Höhle zu finden. Dass diese romantische Herz-Schmerz-Geschichte vermutlich einen wahren Kern hat, lassen Dokument erahnen, die Mitte des 19. Jhd. im Rīgaer Schloss gefunden wurden und die von einem Aufsehen erregenden Mordprozess in der Gutmannhöhle nahe Turaida berichten.

Die Burg von Turaida
Im Liedergarten

Wir wenden uns von der Rose von Turaida ab und der Hauptattraktion der Anlage zu, der Burg von Turaida mit ihrem 38 Meter hohen Nordturm. Albert, der Erzbischof von Rīga, ließ die Burg 1214 errichten, wo die hölzerne Burg der Liven gestanden hatte; Siegerarchitektur auf erzbischöflich. Mit roten Ziegeln und in gotischem Stil wurde sie, weithin sichtbar, in die Landschaft geprotzt. Ende des 18. Jhd. fiel sie einem Großbrand zum Opfer und wurde erst 1976 wieder völlig hergestellt. Die Anlage ist tatsächlich beeindruckend. Immer in Zweiergruppen besteigen wir den Turm, während das zurückbleibende Zweierlei die Hunde hüten muss. Von dort oben hat man einen atemberaubenden Ausblick auf das Tal der Gauja und den Liederpark.  Tourismus hin, Volkskitsch her, die Burg von Turaida (Turaidas pils) sollte man als Lettlandreisender gesehen haben. Wir kaufen im Turm noch kleine Touristendevotionalien, einen lettischen Anhänger für die Dame und lettische Volksmusik für den Herrn, spazieren ausgiebig und entspannt durch den Liedergarten, ruhen an Seerosenteichen und bewundern die Schmiede bei der Arbeit (wer will, kann sich ein Glückshufeisen selber schmieden), genehmigen uns noch einen Kaffee mit Kuchen und ziehen anschließend weiter zum Neuen Schloss.

Das Neue Schloss
Das Neue Schloss des ehemaligen Grafen Kropotkin zeigt, dass es nicht nur einst einiges hermachte, sondern sich auch heute noch sehen lassen kann. Damit das auch so bleibt, wird rund um das Schloss kräftig gebaut und restauriert, was das Vergnügen einer weiteren Besichtigung schmälert. Wir beschließen also, da wir nun schon in der Nähe sind, zum Abschluss, auch noch den Fotografenhügel zu ersteigen, um noch ein ultimatives Bild von Turaida mit nach Hause zu nehmen.
Wir folgern der Skizze im Reiseführer nach Süden, auf Sigulda zu. Schon der Einstieg in die um das Schloss herum führenden Wege sind wegen der Bauarbeiten kaum zu finden, viele sind überbaut, mit Brettern vernagelt oder liegen einfach unter Schutt und Baumaterial. Aber wir kennen ja die Richtung, wir haben eine Skizze und sind nicht auf den Kopf gefallen. Tief hinunter in die Schlucht der Gauja hangeln wir uns. Dort, wo die Seilbahn zur Ruine Krimulda hinauf führt, queren wir die Straße, hinüber auf die Ostseite der Gauja, um dort nach einer Linksbiegung der Straße einen schmalen Pfad hinauf auf die Anhöhe zu treffen.
Dem Fotografeur ist nichts zu schwör

Wir treffen alles Mögliche, aber keinen Pfad. Wir begehen Steige, die das Versprechen in sich tragen, der richtige Weg zu sein, aber im Nirgendwo landen. Da die Landschaft hier nicht lieblich, sondern äußerst schroff ist, kann man auch kaum von steigen sprechen, sondern eher von klettern. Der Himmel über uns hat sich inzwischen bezogen und unsere Laune verfinstert sich dergleichen. Vor allem die Frauen, die zweibeinigen, können nicht einsehen, warum man wegen ein paar Bilder, die man sich auch aus dem Internet besorgen könnte, hier wie Bergziegen herum kraxeln muss. Als wir wieder auf einer Anhöhe stehen, die definitiv nicht der gesuchte Hügel ist und auch im weiten Umfeld keine Anhöhe zu sehen ist, die diesen Anspruch erheben könnte, haben die Fotografen ein Einsehen, auch weil es kein Absehen gibt, dass wir irgendwann und irgendwo diesen Fotografenhügel noch finden würden. Wenn es ihn gäbe, müssten wir schon längst auf ihm stehen, so dämlich sind wir nämlich alle vier nicht, dass wir nicht in der Lage wären, die Lage eines Objekts zumindest annähernd korrekt einzugrenzen. Wir ziehen uns zurück, unverrichteter Dinge. Der Tag ist zwar nicht verdorben, nicht wegen eines verschollenen Fotografenhügels, aber getrübt wegen der kleinen Schmach und den dampfenden Leibern. Wir haben natürlich nach dem Hügel gefragt und erfahren, dass er aufgelassen sei.  Wir erlauben uns, aus dem Reiseführer zu zitieren: „… so lässt sich das Panorama durch einen weiteren kleinen Spaziergang … noch beeindruckender gestalten… Man kann das Auto am Parkplatz abstellen und muss noch ein Stückchen auf einem markierten Weg zu Fuß gehen…“  Der Reiseführer „Lettland. Handbuch für individuelles Reisen“ von Mirko Kaupat im Verlag Reise Know How stammt aus dem Jahre 2009. Unsere „komplett aktualisierte“ Auflage stammt aus dem Jahr 2011! Wir aktualisieren unsere Ausgabe hiermit total komplett und kreuzen den Fotografenhügel aus, schon aus psychohygienischen Gründen. Auch als Lichtbildner lässt man sich nicht gerne hinters Licht führen.

Cēsis
Gegen 15:45 Uhr verlassen wir Sigulda wieder und fahren weiter nach Cēsis, nochmal etwa 30 Kilometer weiter im Nordosten gelegen.   wird häufig unterschätzt, weil das kleine Städtchen mit seinen 20 000 Einwohnern  so bescheiden daherkommt. Hier soll 1272 die lettische Fahne entstanden sein, hier schlugen die lettischen und estnischen Truppen 1919 die deutschen Truppen zurück und retteten die neue Unabhängigkeit. Im Mittelalter, lange bevor Lettland entstanden war, hieß das damals deutsche Nest Wenden und war in den Zeiten der Ordensritter sogar bedeutender als Rīga. Neben Rīga wurde nur Wenden der Titel Hansestadt verliehen. Wir bummeln durch die verwinkelten Gassen des Ortes, vorbei an alten Kaufmannshäusern, Cafés und seinen gotischen Kirchen.
Ruine der Kreuzritterburg
Zentrum des touristischen Interesses ist natürlich die Ruine der alten Kreuzritterburg mit seiner Leninstatue, die heute in einem Kasten aufbewahrt wird, früher aber den Platz der Einheit zierte. Von der Ruine aus bummeln wir durch den Schlosspark, hinüber zur Alten Brauerei, deren Schornstein ein mächtiger Kronkorken ziert, und wieder zurück, vorbei an der russisch-orthodoxen Kirche, über die neu gestaltete Freitreppe des Parks wieder hoch zur Ruine. Höhepunkt des  Cēsis-Aufenthalts sind jedoch nicht alle die touristischen Attraktionen, sondern ein kleines Wasserspektakel im Stadtzentrum.
Wasserspiele
Mitten ins leicht abgesenkte Kopfsteinpflaster des Hauptplatzes sind kleine Scheinwerfer eingelassen, die auch tags ein paar bescheidene Lichterspiele abliefern. Da denkt sich Heike, dass man Anouk und Franzi einmal über dieses Lichterspektakel führen müsse. Also trotten sie los, die drei, und wie sie sich mitten in der Senke befinden, schießen Wasserfontänen hoch. Die drei Damen sind jedenfalls deutlich schneller aus der Senke verschwunden als sie hinein geschlendert sind. Wir schütten uns aus vor Lachen und auch die herumstehenden Letten haben ihr Vergnügen. Bleibt nur die Frage: war es ein Zufall oder sitzt irgendwo verborgen ein lettischer Spritzbrunnenaufdreher und wartet auf touristische Opfer? Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, das ist hier grundsätzlich schief gegangen, im Gegenteil, die Damen waren gründlich nass, ohne wirklich gewaschen zu sein.

Um 16:30 Uhr haben wir genug gesehen, und damit die drei Wassernixen ihr Schicksal nicht alleine tragen müssen, öffnet nun auch der Himmel wieder seine Schleusen.  Die Côte d’Azur ist eben woanders und nicht in Lettland. Wir fahren wieder gen Daugava, kaufen noch ein bisschen ein und sind kurz vor 19 Uhr wieder im Hafen von Lielvārde.

Es ist kalt, es regnet, im Garten tropfen die Wäschestücke auf der Leine, die wir morgens zum Trocknen aufgehängt haben. Er liefert ein trauriges Bild, dieser graue, triefende Garten von Ievas Opa. Wir ziehen uns in seine Wohnstube zurück, heizen ordentlich ein, sogar die Sauna muss mithelfen, damit Opas Villa ein kuscheliger Ort wird. Als das geschafft ist und die bibbernden Leiber sich wieder entspannen, gibt es gebratene Hühnerbrüstchen mit Salat. Und nach dem einen und anderen Na sdarowje, fallen wir alles in allem sehr zufrieden in die Betten.