
Nach einem Fernfahrerfrühstück speicheln wir noch schnell die zwei D-Schilder ans Autoheck, nicht zu nachhaltig, soll ja nur zwei Wochen halten, nehmen uns die zwei Klinkes zu Herzen und verlassen Rietzneuendorf in Richtung Polen, nicht ohne versichert zu haben, dass wir ihre Gastfreundschaft bestimmt nicht das letzte Mal in Anspruch genommen haben.
Um 9:20 Uhr überqueren wir bei Frankfurt /Oder die Grenze zu Polen, wechseln Euros in Złoty, erleichtern uns noch einmal von unserem letzten Westkaffe (ohne Deix diesmal) – und stehen Augenblicke später im Stau. Wir haben heute vor, bis knapp an die litauische Grenze zu fahren, Augustów haben wir als Wunschziel ins Navi eingegeben. Das sind rund 850 Kilometer und etwa zehneinhalb Stunden. Folgerichtig prophezeit uns unser Wegweiser eine Ankunftszeit um zirka 19 Uhr. Da hört der Spaß sogar mit Lala und Blabla auf, wenn man schon direkt nach Grenzübertritt steht, anstatt zu rollen. Aber rollen ist hier nicht möglich, hier wird die Autobahn gebaut, auf mindestens 17 km geht es hier in jede Richtung nur einspurig. Und weit und breit nichts als LKW, einer hinter dem anderen und wir mittendrin. Wenn jetzt einer steckenbleibt ist absolut Schicht in der Röhre, da kommt nichts und niemand mehr durch. Im Schritttempo geht es dahin, unter Brückentorsi hindurch, im Slalom vorbei an STRABAG-Bauhütten, durch Ortschaften, die keine Madonna und kein Papst vor diesem Irrsinn bewahrt haben. Kurz vor 12 Uhr dann die Erlösung: eine echte Autobahn – und was für eine: brandneu, piekfein und, weil der Stau hinter uns seinen Inhalt nur zögerlich freigibt, nur dünn befahren. Jetzt wird Polen zum Vergnügen. Wir rollen dahin, feine Musik aus der Konserve im Ohr und Urlaubsgefühle im Leib. Wie man diese Luxuspiste finanziert, wissen die Polen allerdings auch: dreimal knöpfen sie uns an Mautstellen 13 Złoty ab, da sind wir noch gut bedient, denn die nächsten vier oder fünf Mautstellen sind noch nicht in Betrieb. Also, wer sich auf die Autobahn in Richtung Poznań begibt, sollte in Zukunft ausreichend Kleingeld bereithalten.
Um 13:45 Uhr nehmen wir auf einem sehr gepflegten Parkplatz einen Imbiss und verlegen unser Tagesziel ein bisschen nach Westen. Der Stau hat uns im Plan fast eine Stunde zurück geworfen, und da wir kein Hotel gebucht haben, müssen wir damit rechnen, eventuell ein bisschen suchen zu müssen. Ein wenig Spielraum dient dabei trefflich der Urlaubsentspannung. Wir düsen beswingt vorbei an Poznań (Posen) in Richtung Warszawa (Warschau). Dann lassen wir Lódź (Lodz, Lizmannstadt) im Süden liegen, das ausgesprochen wie ein verschlafenes wudsch klingt, greifen zum Handy und lösen ein Versprechen ein, das wir Lothar gestern Abend gegeben haben: wenn wir in Łódź sind geben wir ihm ein Ständchen. Also wählen, „Klinke“ meldet es sich am anderen Ende und los geht’s: „Lothar, wir sind in Lodsch…“. Lothar sagt: „Barfuß“. Wir: „Nein, auf Pneus.“ Lothar bleibt unbeirrt: „Nein ihr müsst barfuß unterwegs sein, bei uns steht nämlich eure Schuhtasche“ … Ein Blick nach unten, die teuren Salomons am Fuß, die für alle Tage und auch fürs Wasser, geschlossen oder als Sandale zu tragen. Immerhin, es hätte schlimmer kommen können. Ein paar Schuhe für vierzehn Tage hatten wir auch noch nie. Die Fahrerin grinst und meint, dass es doch ganz gut war, dass sie sich zuhause noch kurzfristig entschlossen hatte, ein Paar Sandalen in den Koffer zu schmeißen, nicht in die Schuhtasche, weil die schon im Auto war. Sie hat also zwei Paar. Verräterin. Wie auch immer: Unsere Rückreise ist somit klar abgesteckt: Rietzneuendorf sieht uns schneller wieder als geplant.
Als ob die Schuhsache nicht schon genug Albtraum gewesen wäre, endet kurz hinter wudsch die Autobahn. Wir holpern ab nun auf sogenannten Hauptstraßen Richtung Hauptstadt, von Hof zu Dorf, von Dorf zu Anwesen, von Anwesen zu Einsiedelei, von grauem Elend zu elendem Grauen. Und jetzt sind sie alle wieder da, wie hinter der Kulisse zu unserem Spott hervor gezogen, die LKW, einer hinter dem anderen und wahrscheinlich alle vor uns. Sie alle wollen nach Warszawa, der Hauptstadt ohne Verkehrsanbindung, eine europäische Hauptstadt, die nicht mit einer Autobahn an den Westen angebunden ist, eine Hauptstadt, die mit der Pony-Post beliefert wird. Wir sind sprachlos, wir schütteln nur noch den Kopf, jetzt allerdings nicht mehr zur Musik. Wozu hatten die denn 27 Jahre einen Privatpapst, wenn der ihnen nicht mal eine ordentliche Asphaltpiste bei seiner Obrigkeit in Auftrag geben konnte? Gut, dass wenigstens die UEFA ein Einsehen hatte und Polen und die Ukraine mit der Fußball-Europameisterschaft 2012 beglückte, sodass jetzt der Rubel, Verzeihung, der Złoty und der Euro fließen, um die Hooligans aus ganz Europa staufrei an die Thingplätze zu karren. Soll einer sagen, Fußball wäre nicht völkerverbindend.
Um 15:45 Uhr biegen wir westlich von Warszawa nach Norden ab, überqueren wenig später bei Wyszogród die Wisla (Weichsel), wenden uns, auf der 62 erst an der Wisla, später an der Narew entlang, wieder gen Osten, schwenken bei Serock auf die 61 nach Norden, immer die Narew als Begleiter, nach Ostrołeka und in Richtung Lomźa. Es ist eine Sightseeing-Tour durch östliches Elend. Polen besteht im Speckgürtel rund um Warszawa eigentlich nur aus morbiden Dörfern, landwirtschaftlichen Großbetrieben, Industrieanlagen und verfallenen Ansiedlungen mit Schrottdesign im Hof. Hier ist nichts hübsch, hier ist nichts zurecht gemacht, hier blättert alles, hier bröselt alles, hier ist alles grau und trist. Die Menschen sind schlampig und grau, zerfurcht und verhärmt. Entlang der Straßen stehen diese Menschen an Autos und verkaufen Obst, einer neben dem anderen, viele werden die paar Złoty dringend brauchen. Von europäischem Wohlstand ist man hier noch Jahre entfernt. Es kommt uns vor, als hielten die Geister der Vergangenheit die Hand hier noch immer fest geschlossen um die Menschen und das Land. Das abscheulichste Loch ist Ostrołeka, ein unsäglich hässliches und stinkendes Kaff, das komplett von offen geführten, maroden Gaspipelines durchzogen ist; wo man hinsieht Pipelines, und die Straßen scheinen nur von Löchern zusammen gehalten zu werden. Welche Hoffnungen haben wohl Menschen, die so etwas ihre Heimat nennen müssen? Welche Träume hat man, wenn man nichts als Pipelines sieht, welche Gas vorbeipumpen, ohne auch nur einen Złoty für sie abzuwerfen?
Doch ganz allmählich wandelt sich die Szenerie je weiter wir in den Nordosten Polens vordringen. Der Blick aus dem Autofenster nimmt zunehmend Erfreulicheres auf, die strukturlosen und maroden Baukörper entlang der Straße gruppieren sich allmählich zu einer Art Dörfer, die Farben werden heller und frischer, die Fruchthändler entlang der Straße machen einen entspannten Eindruck, aus Blechdächern werden Ziegeldächer und sogar die Straßen werden achsenfreundlicher. Wir streifen die südlichen Ausläufer von Masuren, einem Gebiet, das einst ostpreußisch war und das die deutschen Strukturen über die Jahrzehnte in seiner Grundsubstanz erhalten hat. Ganz unspektakulär sind wir in eine andere, vertraute Welt geglitten.
Schon zuhause haben wir uns bei booking.com in Frage kommende Hotels (drei Hunde!) hier im Nordosten Polens herausgesucht. Wir beschließen, es im Hotel Zbyszko in Nowogród, knapp 15 Kilometer nordwestlich von Lomźa zu probieren. Es ist bereits kurz nach 18 Uhr, als wir den Alptraum Ostrołeka hinter uns gebracht hatten. Bis ins anvisierte Ziel Augustów wären es noch immer 140 Kilometer, und das auf diesen Straßen. Nach Lomźa sind es nur noch knappe 40 Kilometer.

Und tatsächlich haben wir Glück. Das Zbyszko (N 53° 13′ 25.73″, E 21° 51′ 26.82″) hat zwei Zimmer für uns frei, allerdings müssen wir auf das Restaurant verzichten, weil heute zwei Hochzeiten gefeiert werden und alles belegt ist, aber, so bietet uns die freundliche Empfangsdame an, man würde uns selbstverständlich, wenn wir es wünschen, auf unseren Zimmern servieren. Wir wünschen und sind nach 610 Kilometer ab Frankfurt erst mal wunschlos glücklich. Es ist 19 Uhr und gerade richtig für einen kleinen Spaziergang mit unseren Käfigtigern.

Entlang der Narew schlendernd, die hier, aus Weißrussland kommend, noch ein beschauliches Flüsschen ist, sind wir froh, diesen langen Tag zu einem guten Ende gebracht zu haben; Herbergssuche wäre das Letzte gewesen, was wir heute noch gebraucht hätten. Auch unsere Hunde sind nach diesem langen Tag ziemlich abgedreht und kaum unter Kontrolle zu kriegen. Ein alter Bunker als Brückenkopf an der Narew wirft uns wieder in die schwarzen Tage jenes rabenschwarzen 20. Jahrhunderts zurück. Egal, wohin man seinen Fuß setzt, in die Normandie oder die Bretagne ganz im Westen oder eben hier, weit im Osten, überall gemahnen unerschütterliche Zeitzeugen an die Tollwut eines ganzen Jahrhunderts.
Zurück im Hotel greifen wir zur Speisekarte, picken uns ein paar interessante Angebote heraus, dazu ein bisschen Wasser und Bier, schieben zwei winzige runde Beistelltische in einem Zimmer zusammen und lassen uns wie die Fürsten bedienen. Die Sitzpositionen sind gewöhnungsbedürftig, aber die Speisen ohne Tadel. Wer sich einmal in dieser Ecke Polens herumtreibt, macht mit dem Zbyszko nichts falsch. Die Nacht ist trotz der Hochzeiten ungestört, und so schlummern wir zufrieden der letzten Etappe unserer Anreise entgegen, wir haben immerhin nochmal etwas über 500 Kilometer vor uns.
