Es ist Pfingstsonntag, für die gläubigen Polen hoffentlich ein Grund, sich in die Kirchen zu stürzen und uns die Straßen zu überlassen.  Nach einem ziemlich perfekten und umfänglichen Frühstück (und natürlich einer Morgenrunde für die Hunde) starten wir um kurz vor halb neun bei einem spärlich bekleideten Himmel in Richtung Nordosten und Augustów. Die 61 am südöstlichen Zipfel von Masuren vorbei ist eine herrlich gerade und heute, wie erhofft, kaum befahrene Straße. Und wie schon gestern angedeutet, werden die Ortschaften immer heimatlicher und aufgeräumter. Die Straßen sind gesäumt von Menschen im Sonntagstuch auf dem Weg zur Messe – hier wird zu Fuß gegangen, entlang der Straße, immer in kleinen Grüppchen. Dass die Polen die vermutlich unerschütterlichsten Katholiken Europas sind, hat sich herumgesprochen, aber dass sie ein Großteil der EU-Subventionen in Kirchenbauten ausgeben, erstaunt uns doch: hier oben hat fast jede Ortschaft eine nigelnagelneue Kirche, meist im Designerstil, topmodisch, mit viel Glas und gewundenen Türmen und was das Architektenhirn noch so alles absondert, wenn es nach Höherem strebt und ihm kein Einhalt geboten wird.  Wir ertappen uns bei der Frage, wie viele Autobahnkilometer für die Anbindung der Hauptstadt hier der Verehrung des Herrn geopfert wurden. Neben dieser Landesausstellung von topschicken Klerikalbauten muss allerdings auch erwähnt werden, dass die polnischen Menschen hinter diesem Feuerwerk von Design und Chic stark hinterher hinken. Die Männer sind ländlich robust gekleidet, heute, wie gesagt, in ordentlichem, wenn auch altbackenem Tuch, sonst eher in Großraumhosen Marke Fliegerseide und Pyjama und mit Unterhemd. Dieser Eindruck scheint über alle Altersgrenzen hinweg zuzutreffen. Anders verhält es sich mit den Frauen, die offenbar nach der Heirat eine Talfahrt hinter sich bringen, die sich gewaschen hat: in jungen Jahren häufig sehr attraktiv und rank, dann mit Fettsteiß und viel zu kurzem Rock und am Ende nur noch verwüstet. Es macht keinen Spaß, der Erfüllung von Klischees beizuwohnen.

Kurz nach 10 Uhr durchqueren wir Suwałky, einem von Wasser umgebenen und von Wasser durchzogenen Touristenort, überall Seen, Kanäle, Boote, Kähne, Wasserrutschen und Glasfronten. Weiter geht es auf der bestens ausgebauten 8 in Richtung litauische Grenze. Kaum eine Biegung stört unseren Fortschritt, es geht genauso geradeaus wie in den USA, nur nicht so weit. Die sozialistische Vergangenheit hat die Achterbahnen, wie wir sie aus Deutschland kennen, wirksam verhindert. Wo es keinen Bauern gibt, der den Mumm hat, sich schützend vor seinen Grund und Boden zu stellen, gibt es auch keinen Grund, Kurven einzubauen, wenn nicht natürliche Hindernisse dazu zwingen. Und auch heute scheint die bürgerliche Protest- und Widerspruchskultur noch nicht so gereift zu sein, dass dem Straßenbau à la Amazonien Einhalt geboten würde.  Uns kann es nur recht sein, und wenn die Polen nichts dagegen haben, erst recht. Dennoch bleibt eine Ahnung, dass der Grad der Freiheit eines Volkes an den Geraden und Wendungen seiner Landwege zu vermessen ist.

Kurz vor der litauischen Grenze steht am rechten Straßenrand ein Polizeiauto, hinter dem hervor wir Herannahenden von einem Polizisten mit Fernglas ins Visier genommen werden. Es ist immer noch ein ungutes Gefühl, hier im ehemaligen Ostblock, so in Augenschein genommen zu werden; die alten Reflexe stellen sich sofort ein.  Aber wir dürfen passieren, nur Hermann hinter uns trifft es. Er muss raus, an den Straßenrand, und wir fahren nach wenigen Metern ebenfalls rechts ran. Was wollen die von ihm? Außer uns keine Menschenseele unterwegs, aber die stehen da und holen einen raus. Vielleicht ist es ja der neue VW-Multivan, der sie misstrauisch macht. So etwas wird schon gerne mal geklaut, unser heruntergekommener KIA ist da weniger gefährdet. Also müssen wir die Herren vielleicht sogar loben. Sie diskutieren, quasseln, gestikulieren – und nach drei Minuten ist alles vorbei, wir überqueren die Grenze nach Litauen um kurz vor 11 Uhr bei Kalvarija. Gleich hinter der Grenze nehmen wir uns eine Pinkelpause und erfahren von den Aufgebrachten (im Sinne von Gekaperten), dass der ältere Polizist, dem Nachwuchs eine Übungseinheit zukommen ließ, was er zu sagen und zu tun, zu beachten und zu kontrollieren hat. Na, fein, haben sich Hermann und Annemarie eben mal schnell um die Ausbildung der polnischen Straßenpolizei verdient gemacht.

Jetzt also Litauen. Die Via Baltica (E67) ist ein Traum, ausgebaut, wie nur wenige Straßen im ADAC-Land, breit und erschütterungsfrei. Das Land ist plötzlich weit und aufgeräumt, von einer irritierenden Klarheit die Luft. Dieses Litauen fühlt sich an, als wenn man von einer lindgrünen Krankheit heimgesucht würde, von der man nie genesen will. Wir bekommen einen verklärten Blick, und wenn wir nicht ein klares Ziel hätten, nämlich unsere Bonti in Rīga zu besuchen, wären wir wohl hier irgendwo auf der Strecke geblieben.

Die Ruine von Bauska

Um 14:25 Uhr überqueren wir dann doch die Grenze nach Lettland bei einem fast bayerisch weiß-blauen Himmel; nur die Wolken hängen höher hier. Unser erstes Ziel in Lettland ist Bauska. Die kleine Stadt liegt etwa 70 Kilometer südlich von Rīga am Zusammenfluss von Mēmele (nicht mit der bei uns bekannten Memel zu verwechseln) und Mūsa, die sich hier zur Lielupe (Kurländische Aa), dem zweitgrößten Fluss Lettlands vereinigen. Das Städtchen ist mit seinen 10.000 Einwohnern nicht zwingend einen Besuch wert, aber über es erhebt sich eine Burgruine des Livländischen Ordens, in der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut und Anfang des 18. Jahrhunderts von Zar Peter d. Großen gesprengt. Wir tauchen also gleich zu Beginn unseres Lettlandaufenthaltes in die Geschichte der Deutschen Orden ein, die das Land und seine Kultur so entscheidend prägten.

Anouk, Franzi und Doosie genießen ein Bad in der Musa

Richtig eintauchen tun aber vor allem unsere drei Mädels, nämlich zuerst in die kleine Mēmele und anschließend noch ausgiebiger in die Mūsa, die beide die Ruine mit zartgrünen Armen umfangen, und waschen sich akribisch den Reisestaub aus den Haarkleidern.

Willkommen in Riga
Um 17:15 Uhr (MESZ + 1 Std.) rollen wir vor das Skanste Hotel (N56° 58′ 0.36″, E24° 7′ 14.22″) in Rīga und werden bereits von Bonti (Ella), Ieva und Kalvis, Ievas Lebensgefährten, erwartet: endlich angekommen und willkommen. Das Skanste ist ein unaufgeregtes Business-Hotel, das uns Ieva aussuchte, weil es in Rīga nicht einfach ist, mit drei Hunden unterzukommen. Hier sind wir nicht nur willkommen, sondern fallen kaum auf, weil die Aussteller der an diesem Wochenende gelaufenen CACIB in Rīga fast alle hier untergebracht waren und sind. Im zweiten Durchgang fallen wir dann aber doch auf, und wie: vier Hovawarte hat hier noch niemand auf einem Fleck gesehen, noch nicht mal auf der Schau (schließlich gibt es im ganzen lettischen Hovawartverband nur sechs Hovis).  Immer wieder müssen wir uns aufstellen, immer wieder posieren, vor allem die Russen können ihre Dackel gar nicht schnell genug aufs Zimmer bringen und mit der Kamera wieder erscheinen, um uns für die Hundeliebhaber in Moskau und St. Petersburg zu konservieren.  Die vier Mädels machen auch wirklich was her.
 
Im Herzen Rigas

Abends bummeln wir mit Ieva und Bonti in ein plüschiges Straßenrestaurant im Herzen Rīgas, und weil die Tage hier länger sind als zuhause, können wir uns im milden Schummerlicht der heraufziehenden nordischen Nacht  schon mal einen ersten Eindruck dieser Stadt verschaffen, und der kann vermutlich am besten mit „liebenswert beeindruckend“ beschrieben werden, eine Stadt mit viel Herz an vielen rechten Flecken. Wir plaudern in die samtige Nacht hinein und legen uns erwartungsvoll und gespannt aufs Ohr.