Das Freiheitsdenkmal
Gedenkfeier am 14. Juni
Noch einmal machen wir nach dem Frühstück einen Bummel ohne Hunde durch Rīga; immer nur an der Leine über Asphaltpisten und vorbei an Jugendstilhäusern, ist auch für den hartgesottensten Begleithund eine Zumutung. An Bewegungsmangel leiden die drei Mädels sowieso nicht und es ist eher wahrscheinlich, dass sie in den nächsten Tagen noch reichlich lettisches Terrain unter die Ballen nehmen werden.

Am Freiheitsdenkmal werden wir so noch Zeuge einer Gedenkfeier mit Gardesoldaten, Volksmusik und Volkstänzen. Am 14. Juni gedenken die Letten der 15.000  im Jahre 1941 von den Russen nach Sibirien entführten Mitbürger: Beamte, Oppositionelle, Militärs. Hier tobt kein großes Volksfest, hier feiert ein Volk sein Gedenken.

Mama plant und Franzi kontrolliert
Auf dem Weg nach Lielvārde

Kurz vor 12 Uhr verabschieden wir uns im Herzen von Rīga und gehen zurück ins Hotel. Wir packen, zahlen, checken am Hotelcomputer wieder mal unsere E-Mails (man hat ja heutzutage das Gefühl, man lebe nicht, wenn man nicht wenigstens einmal täglich seine Spam-Mails entsorgen kann) und checken aus. Und dann warten wir auf Ieva und ihre Mama.  Ievas Mama will uns nämlich unter keinen Umständen aus Rīga entlassen, ohne uns mit einem Paket Insidertipps versorgt zu haben. Gegen 13 Uhr ist es dann soweit: Mama kommt. Wir sitzen in der Grünanlage des Hotels auf Holzbänken und Mama versieht unsere Lettlandkarten mit gelben Zeichen und Strichen, folgt Straßenverläufen und entwirft Verläufe, wo keine Straßen sind. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir unseren Lettlandaufenthalt beleidigend kurz geplant haben. Dabei sind doch zwei Wochen mit einem Paar Schuhe schon genug der Herausforderung…

Unser Luxusresort in Lielvārde

Um 14 Uhr geleitet uns Ieva hinaus nach Lielvārde, etwa 50 Kilometer südöstlich von Rīga. Dort draußen liegt das Ferienhaus von Ievas Familie, in dem sonst Ievas Opa lebt, doch der Opa ist 85 Jahre alt und lebt derzeit krankheitsbedingt bei seiner Schwester in Rīga. So haben wir ein ganzes Ferienhaus mit Garten, direkt an der Daugava gelegen, für uns. Direkt an der Daugava bedeutet genau dies: durch den Garten, über einen Trampelpfad und schon plätschert die Daugava in vielen kleinen Buchten ein freundliches „Willkommen“. Dieser Fluss ist mächtig breit hier, deutlich über einen Kilometer jedenfalls. Wenn man bedenkt, dass es Deutschlands Symbolstrom, der Rhein, am Ende seiner Reise durch Deutschland, an der Rheinbrücke in Emmerich gerade mal auf 500 Meter bringt, macht dieser Blick über die Daugava richtig Eindruck.

Ievas Opa

In der Datscha ist alles für uns gerichtet. Aber diese Unterkunft ist nicht irgendeine Datscha, sondern das Zuhause eines sehr berühmten Letten. Ievas Opa, Uldis Zagata, war einst ein begnadeter und gefeierter Tänzer, später Mentor und Förderer lettischer Volksmusik und des lettischen Volkstanzes, viel geehrt und hoch dekoriert. Und dieser berühmte Opa begegnet uns hier auf Schritt und Tritt von den Wänden und Regalen und wacht darüber, dass wir sein Reich nicht entweihen. Für den Aufenthalt in diesem Heiligtum hat uns Ievas Mama noch Vorräte für drei Familien und vier Wochen eingepackt und mitgegeben, sodass wir womöglich mehrere Naturkatastrophen oder Tartareneinfälle überstehen könnten, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Die Daugava

Nachdem wir die Zimmer notdürftig bezogen hatten, verlassen wir mit Ieva natürlich trotzdem das Haus, schließlich wollen wir nicht unsere Überlebenshärte testen, sondern etwas vom Land sehen. Wir schlendern die Daugava flussauf bis zur etwa drei Kilometer entfernten Burgruine des lettischen Volkshelden Lāčplēsis, dem Bärentöter, der sich aber eher tapfer an den Deutschen abarbeitete und trotz herkulischer Heldentaten am Ende zusammen mit seinem Erzfeind, dem Schwarzen Ritter, in der Daugava versank, von dannen er auferstehen und das lettische Volk befreien wird. Die Sage von Lāčplēsis ist nicht minder triefend und verschmockt als unsere Nibelungensage und wer mehr darüber wissen möchte, kann sich hier an der Daugava einen Eindruck verschaffen.

Nach einigen Badestopps für die Hunde sind wir gegen 18 Uhr wieder zurück und nachdem uns Ieva wieder verlassen hatte, gehen wir zu Fuß in den Ort, ins Restaurant Panna, einem typischen Selbstbedienungsrestaurant, lassen es uns schmecken und gut gehen. Anschließend lassen wir den Tag auf unserer Gartenterrasse bei einer wohltemperierten Flasche Wein ausklingen – und machen bereits kurz nach 22 Uhr die Lichter aus. Draußen ist es noch immer nordisch hell.

Aus Wettersicht war der heutige Tag eher durchwachsen, meist bedeckt und windig und gelegentlich regnerisch. Nun ja, wir sind ja nicht an der Costa Brava. Obwohl: der Bärentöter war schon ein recht Brava – was sich so ein mit Eindrücken befrachtetes Hirn im Übergang zum Schlaf alles zusammenspinnt …