
Abreisetage entziehen sich der üblichen Ein- und Wertschätzung, sie sind unvermeidlich und ungeliebt. Sie beziehen ihre Bedeutung aus dem flüssigen Abspulen von Zwangshandlungen, aus denen das Zwillingspärchen Putzen & Packen besteht. Dazu kommt noch Suchen & Finden, Sortieren & Ordnen, denn es ist ja schon erstaunlich, wie schnell man sich ein solches Haus untertan macht. Alarmstimmung herrscht in dieser Situation bei den Hunden, die keinen von uns aus den Augen lassen. Franzi löst das Problem für sich und auf ihre Weise: mit dem ersten Gepäckstück verschwindet auch sie im KIA und lässt keinen Zweifel daran, dass sie nicht gewillt ist, in dieser Datscha auszuharren, bis wir uns dereinst entschlossen haben würden, hier noch einmal vorbeizuschauen. Ach Franz, weil wir dich überall vergessen haben!
Um 10 Uhr rollt der Kleinkonvoi vom Hof, in der Hoffnung, dass Ievas Opa sein Haus bei seiner Rückkehr wiedererkennt. Doch bereits nach wenigen Minuten gerät die Abreise ins Stocken: die Alarmanlage! Haben wir sie nun scharf gemacht oder nicht? Zurück das Ganze, Alarmanlage scharf machen, das hatten wir tatsächlich vergessen. Aber jetzt… Nach uns die Sintflut – und vor uns auch, wie es scheint.
Wir fahren fürs erste auf derselben Route zurück, auf er wir gekommen sind. Um 14 Uhr machen wir zwischen Kaunas und Marijampolé (LIT) eine Rast und stärken uns für die Weiterreise. Das Wetter will sich nicht entscheiden, ob die Sonne oder der Regen die Oberhand bekommen soll. Bei Marijampolé pflügen wir dann durch jene Sintflut, die uns morgens schon schwante. Um 15 Uhr (14 Uhr MESZ) fallen wir wieder in Polen ein, gewinnen also eine Stunde. Weiter geht es über Suwałki nach Augustów. Hier biegen wir scharf nach Westen ab, auf der 16 nach Ełk (das frühere Lyck) – und befinden uns schon mitten in Masuren (nicht in den Masuren!). Selbst wenn man noch nie in dieser Gegend war, kommt sie einem irgendwie vertraut vor, vermutlich wegen der ostpreußischen Heimat- und Kriegsfilme, die ja mal Konjunktur hatten.

Der Verkehr nimmt ab, die Landstraßen sind endlose Eichenalleen, Störche gibt es hier noch mehr als in Lettland und auch noch größere dazu, und überall Seen, ganze Seenlandschaften, dazwischen grellrote Klatschmohnwiesen und –felder. Die Sonne, die hier endlich das Regiment übernommen hat, tut das ihre dazu, dieses Land in satten Farben an uns vorbeiziehen zu lassen. Hinter Ełk geht es auf der 16 weiter stramm nach Westen. Mit Mikołajki (Nikolaiken) lassen wir offenbar eines der Zentren des Masurentourismus‘ hinter uns, und bald darauf sind wir in Kosewo, einem kleinen Flecken am Probergsee (Probark) und stellen die Triebwerke auf dem Parkplatz des Country Holiday Hotels (N 53° 49‘ 43‘‘ E 21° 23‘ 15‘‘) ab, 17 Uhr Ortszeit. Laue Luft umweht uns, 20 ° C verwöhnen unsere Lettland-gestauchten Seelen, nur wenige Meter weiter plätschert der See leise gegen ein völlig menschenleeres Ufer. Raunt da jemand „So zärtlich war Suleyken“?

Wir checken ein und gewinnen den besten Eindruck: freundlich, sauber, alles tipptopp. Wir bringen uns und unsere Damen in Bewegung, machen einen kleinen Lockerungsspaziergang und lassen uns anschließend alle noch zu Wasser – ein Strand für uns allein! Das Abendessen nehmen wir auf der großen Terrasse des Hotels ein und haben auch daran nichts zu mäkeln, höchstens, dass es unter den gegebenen Umständen eine Schande ist, nur einen Tag hier zu bleiben. Aber wir müssen ja noch mal im Brandenburgischen übernachten, wegen der Schuhtasche. Selber schuld. Um 23 Uhr ist Zapfenstreich, mit der gewonnen Stunde können wir heute nichts anfangen, wir sind platt.
