Um 8:30 Uhr ist Frühstück. Frisch wie der masurische Morgen treten wir hinaus in den hellen Tag, ausgeschlafen, fit und tatendrängig. Eine einladende Sonne und ein sanft streichelnder Wind sagen uns: wir müssen uns diese Welt zu Fuß erarbeiten, sie inhalieren, sie durch die Nüstern ziehen wie die Blume eines guten Weines. Also lassen wir uns notdürftig instruieren, einen DIN-A4-Zettel mit den umliegenden Wanderwegen in die Hand drücken und los geht’s. Hinüber ins Örtchen Kosewo, über die Straße, auf der wir gestern gekommen waren, unter der Bahn hindurch und schon stehen wir vor der Pension Hubertus (!) am Südostzipfel des Jezioro Juksty, des Juksty-Sees. Den wandern wir nun in nördlicher Richtung ab. Es sind hier ziemlich viele fein herausgeputzte Schulkinder unterwegs, offensichtlich alle in Schuluniform, meist in Begleitung von Erwachsenen, das lässt uns keine Ruhe, da müssen wir fragen, was der Grund für die Feierstimmung ist? Letzter Schultag ist heute, Zeugnistag! Na, da sieht aber die Stimmungslage in unseren Breiten krass anders aus, mal abgesehen davon, dass die Hälfte unserer Schüler am letzten Schultag mitsamt ihren Eltern schon über den Wolken schwebt. Eigene Kulturverluste spürt man am schmerzlichsten, wenn man sie im Ausland vorgeführt bekommt.

Der Jukstysee
Am Jukstysee

Immer weiter ziehen wir nach Norden, den See zu unserer Linken, im Schatten von Eichen- und Birkenalleen und vorbei an riesigen Holunderbäumen, die hier erst jetzt in voller Blüte stehen. Die Sonne legt sich kräftig ins Zeug. Über uns spannt sich ein kräftig weiß-blauer Masurenhimmel, der uns für das viele lettische Wasser mehr als reichlich entschädigt. In der Gegend des winzigen Weilers Śniadowo machen wir Rast und lassen die Mädels baden. Es ist warm geworden jetzt gegen Mittag, fast schon 25°C. Dann geht es weiter durch immer wieder wechselnde Landschaften, plötzlich frei werdende endlose Felder, bis wir die Nordspitze des Sees erreicht haben und nun an seiner Westseite den Rückweg Richtung Süden antreten. Hier führt der Weg meist in großzügigem  Abstand am See entlang und im Gegensatz zur Ostseite mehren sich hier die Ferienhäuser und –anlagen. Zwar haben wir hier großartige Ausblicke auf die masurische Kulturlandschaft, aber die spirituelle Kraft des nahen Wassers fehlt irgendwie, und vielleicht liegt es ja auch daran, nicht nur, dass wir jetzt schon annähernd 20 Kilometer unter den Sohlen und Ballen haben, dass auch unsere Damen etwas zähflüssiger gehen.

Anouk – soweit die Füße tragen und unkaputtbar

Von Anouk, der alten Dame, sind wir sowieso hin und weg, wie sie diesen Marsch bei diesen Temperaturen wegsteckt, nichts lässt sie sich anmerken, sie ist hier Chefin und sie würde diese Rolle bis zum Exitus erfüllen. Wir können sie gar nicht genug herzen und loben.

Um 14 Uhr haben wir den Südzipfel des Juksty-Sees wieder erreicht und hier ist auch gleich wieder Badebetrieb angesagt. Da freuen sich nicht nur die Hunde, sondern auch die morschen Menschenknochen seufzen vor Entspannung.

Anouk im Probergsee

Die Hunde dürfen im Wasser tollen, solange sie wollen, es ist  sowieso niemand da, den das stören würde und Zeit ist heute keine Kategorie mehr. Um 15 Uhr sind wir wieder im Hotel, machen es uns auf der Terrasse gemütlich und genehmigen uns Kaffee und Kuchen. Um 17 Uhr versinken wir dann noch einmal im Wasser des Probergsees und beschließen damit sozusagen rituell unsere Reise. Das alte Schlachtross Anouk ist auch jetzt wieder an vorderster Front dabei, gerade so, als ob es zuhause nur Wasser aus der Leitung gäbe.

Der Tag klingt auf der Terrasse mit einem gediegenen Abendessen und einem Schluss-Champagner aus, der, das kann man jetzt aber nicht verheimlichen, der einzige Wermutstropfen in Masuren ist: er ist süß! Die Erde muss kleine Mängel haben, sonst bräuchten wir kein Paradies.

Um 22:30 Uhr schließen wir auch dieses Reisekapitel.